Wer sind die Götter der KI? Sandra Wachter über Deregulierung, verdeckte Subventionen und Glück als Maßstab der Technologiepolitik
Nachlese zum Kaplan-Vortrag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 16. Juni 2026 mit Sandra Wachter, Professorin für Technologie und Regulierung am Oxford Internet Institute.
Die diesjährige Kaplan-Vorlesung der ÖAW, benannt nach dem österreichischen Turbinenbauer Viktor Kaplan, widmete sich einem Thema, das sich kaum mehr ignorieren lässt: Künstliche Intelligenz und ihre Regulierung. In der Einführung wurde die Ausgangslage scharf umrissen. Der Draghi-Bericht vom Herbst 2024 attestierte Europa fehlende Wettbewerbsfähigkeit und ein Übermaß an Regulierung, das angeblich zu wenig risikobasiert und zu wenig strategisch sei. Die Reaktion darauf, der sogenannte Digital Omnibus vom November 2025, treibt seither viele um, die an europäischer Souveränität gearbeitet haben und ihre Vorschläge nun in verzerrter, verwässerter Form wiederfinden. Die wissenschaftliche Debatte ist gespalten: zwischen jenen, die die Vereinfachungsagenda im Grundsatz mittragen, aber bessere Entwürfe fordern, und jenen, die jeden Vereinfachungsschritt als Einstieg in den Abbau des Grundrechtsschutzes lesen.
Vor diesem Hintergrund stellte Sandra Wachter ihr zwei Tage zuvor veröffentlichtes Papier vor, das einen ungewohnten Blickwinkel einnimmt: Glück als Zielgröße der Technologiepolitik, als Gegenleistung für die öffentlichen Subventionen, die in die Branche fließen.
Der Perseus-Mythos: Wer trägt eigentlich die Heldentat?
Wachter eröffnete mit Perseus, dem Helden, der das Ungeheuer Medusa erschlug. Bei näherer Betrachtung fällt auf: Perseus gelang die Tat nur, weil ihn vier olympische Gottheiten ausstatteten, mit Tarnkappe, Schwert, Flügelsandalen und strategischem Rat. Ist das noch eine Heldentat, wenn sie ohne diese Geschenke nie gelungen wäre?

Die Übertragung auf die Gegenwart: Die Gründer der großen KI-Unternehmen werden als Helden unserer Zeit inszeniert, als geniale Einzelkämpfer mit einer bahnbrechenden Idee. Doch wer sind die Götter, die ihnen ihre Gaben zukommen lassen? Wachters Antwort: die Öffentlichkeit. Wir alle subventionieren den Erfolg der Technologiekonzerne direkt und indirekt, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Die verdeckten Subventionen
Den Kern des Vortrags bildete eine Aufstellung dessen, was die Allgemeinheit der Branche tatsächlich zahlt.
Erstens der vereinfachte Zugang zu Boden, Wasser, Strom und Daten. Der Cloud and AI Development Act (CADA), Teil des EU-Tech-Souveränitätspakets, soll die Rechenzentrumskapazität in Europa in fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Das bedeutet beschleunigte Genehmigungsverfahren, weniger Mitspracherecht für Anrainer und den Wegfall von Umweltverträglichkeitsprüfungen beim Bau. Wachter verwies auf Schätzungen, wonach diese Deregulierung beziehungsweise Nichtdurchsetzung bestehender Regeln die EU rund 300 Milliarden Euro kosten könnte. Eine von AlgorithmWatch zitierte Untersuchung zeige zudem, dass die erhofften Arbeitsplätze weitgehend ausbleiben: In Rumänien seien von 20 versprochenen Stellen 10 entstanden, in Nordholland nur ein Bruchteil. Gleichzeitig konkurrieren Anrainer um Ressourcen, Wohnkosten sowie Wasser- und Strompreise steigen, Wälder und landwirtschaftliche Flächen gehen verloren. In ihrem Papier „The fallacy of sustainable regenerative AI" zeigt Wachter, dass die vorhandene Regulierung weitgehend zahnlos ist: Betreiber müssen den Energieverbrauch zwar melden, dürfen ihn aber geheim halten; verbindliche Ziele zur Senkung des CO₂-Fußabdrucks fehlen; und die Aufsicht hat angekündigt, fehlerhafte oder fehlende Meldungen in den ersten drei Jahren nicht zu ahnden.

Zweitens öffentliche Gelder und Steuernachlässe. Von der angekündigten 200-Milliarden-Investition der EU in KI-Forschung, Start-ups und Unternehmen stammen 50 Milliarden direkt aus Steuermitteln. Geplante Digitalsteuern wurden hingegen auf Eis gelegt. Die globale Mindestbesteuerung der OECD wurde nach Lobbyarbeit der US-Administration für die betroffenen Konzerne ausgehebelt, und der EU-Vorschlag für eine Digitalsteuer fiel dem Druck aus Washington zum Opfer. Mittel, die anderswo unmittelbar spürbaren Nutzen für die Bevölkerung schaffen könnten, fließen so in die KI-Entwicklung.
Drittens Deregulierung und politische Vereinnahmung. Die geplante EU-Gleichbehandlungsrichtlinie, die den Diskriminierungsschutz unter anderem für sexuelle Orientierung, Behinderung, Alter und Religion gestärkt hätte, wurde auf Eis gelegt, mit Tschechien, Italien und Deutschland als stärksten Gegnern. Die KI-Haftungsrichtlinie, die Geschädigten einen Rechtsweg eröffnet hätte, wurde unter US-Druck ebenfalls zurückgezogen. Und der Digital Omnibus würde, sollte er so kommen, eine Reihe von Grundrechten schwächen: einen engeren Begriff personenbezogener Daten und damit weniger Kontrolle, gelockerte Standards für das Training von Modellen auf personenbezogenen Daten, eingeschränkte Auskunftsrechte, abgeschwächte Vorgaben bei automatisierten Entscheidungen, reduzierte Transparenz- und Registrierungspflichten, die Erhebung sensibler Daten ohne Einwilligung und eine Verzögerung der Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte (Watermarking), die in einer Welt zunehmend ununterscheidbarer Inhalte besonders wichtig wäre. Dass das kein Zufall ist, illustrierte Wachter am Drehtüreffekt: Personen, die heute Gesetze verhandeln oder durchsetzen, kommen häufig aus eben jener Industrie, die sie regulieren sollen.
Wofür eigentlich? Das Versprechen der KI
Wachter und ihr Team analysierten die technischen Berichte und politischen Botschaften der großen Anbieter. Das Ergebnis: Die Vision dreht sich fast ausschließlich um Wirtschaftswachstum, Produktivität, Wettbewerb und schnellere Entscheidungen. Konkrete, gesellschaftlich nützliche Anwendungen kommen im Werbematerial kaum vor; die Allgemeinheit profitiert allenfalls mittelbar.
Ob das Versprechen eingelöst wird, ist offen. Ein MIT-Bericht beziffert den Anteil der KI-Projekte mit nachweisbarem wirtschaftlichem Nutzen auf nur 5 Prozent. Eine weitere Studie ergab, dass 90 Prozent befragter US-Vorstände keinen Produktivitätseffekt der eingeführten Systeme erkennen konnten. Aufschlussreich auch, dass die Anbieter ihren eigenen Versprechen offenbar nicht voll trauen: Microsoft änderte im April 2026 die Nutzungsbedingungen von Copilot dahingehend, dass das System nicht für die Arbeit, sondern für Unterhaltungszwecke gedacht sei, und schloss die Haftung für Ungenauigkeiten und finanzielle Verluste aus. Vergleichbare Haftungsausschlüsse finden sich bei anderen Anbietern. Wer ein Produkt anpreist, das Wohlstand schaffen soll, sich für Verluste aber nicht verantwortlich erklärt, ist von der eigenen Sache nicht restlos überzeugt.
Risikominderung ist nicht dasselbe wie gesellschaftlicher Nutzen
Die zentrale regulatorische Diagnose des Vortrags: Der gesamte europäische Rechtsrahmen denkt in Risikominderung, nicht in positivem Nutzen. Die KI-Verordnung (AI Act) verlangt, dass Hochrisiko-Anwendungen etwa in Beschäftigung oder Bildung ihre Risiken mindern, nicht aber, dass sie für Bildung oder Beschäftigung gut sind. Bei GPAI-Modellen geht es um systemische Risiken, beim Digital Services Act um die Minderung illegaler Inhalte und Gefahren für Kinder, bei der DSGVO um die Reduktion von Datenschutzrisiken. Überall dieselbe Leerstelle: Ein weniger riskantes System ist nicht automatisch ein nützliches. Wachters Vorschlag setzt genau hier an. Wer öffentliche Mittel, Boden, Wasser oder Datenzugang erhält, sollte eine positive Pflicht zur Schaffung gesellschaftlichen Nutzens tragen. Und Gesetzgeber haben ohnehin eine Verpflichtung auf das Gemeinwohl.
Glück als Maßstab
Was aber ist gesellschaftlicher Nutzen? Wachter operationalisiert ihn über Glück, gestützt auf die Selbstbestimmungstheorie und fünf Jahrzehnte empirischer Evidenz aus der Psychologie. Drei Faktoren sagen Lebenszufriedenheit besonders stark voraus:
Verbundenheit. Menschen sind soziale Wesen; schon eine einzige enge Bindung macht im Schnitt um die Hälfte zufriedener und senkt die Sterblichkeit. Dazu zählt auch die Verbindung zur Natur, die selbst bei schwächeren sozialen Netzen eine schützende Wirkung entfaltet.
Kompetenz. Menschen wollen lernen, gestalten und Herausforderungen meistern. Entscheidend ist das Gefühl, dass das eigene Handeln Wirkung hat. Sinnlose oder folgenlose Tätigkeit macht depressiv und ängstlich.
Autonomie. Nicht Isolation, sondern die Fähigkeit, aus eigenem Antrieb das eigene Leben zu gestalten. Eine Erhebung über 123 Länder zeigt: Autonomie sagt Glück stärker voraus als Einkommen oder BIP.
Glückliche Menschen sind dabei kein Selbstzweck, sondern auch gesamtgesellschaftlich von Vorteil: bessere Lernende, produktiver, kreativer, gesünder, sozial engagierter.
Wo wir heute stehen
Gemessen an diesen drei Faktoren fällt die Bilanz der aktuellen KI ernüchternd aus.
Bei der Verbundenheit drängen Companion-KI-Systeme in einen zutiefst menschlichen Bereich. Ihr Geschäftsmodell ist die Bindung der Aufmerksamkeit: übertriebenes Lob, ständige Zustimmung, emotionale Sprache, Anthropomorphisierung, mitunter sexualisierte oder manipulative Muster, die Nutzer am Verlassen der Plattform hindern. Dokumentierte Vorfälle reichen bis zu Psychose, Suizid und Gewalt. Zugleich verkleinert der Rechenzentrumsausbau die Naturräume, die für das psychische Wohlbefinden wichtig wären.
Bei der Kompetenz wirken große Sprachmodelle eher abbauend. Halluzinationen treten häufig auf; Wachters bekanntes Boris-Johnson-Beispiel zeigt eine überzeugend formulierte, mit seriösen Quellen scheinbar belegte, aber frei erfundene Antwort. Studien deuten darauf hin, dass das Lernen mit solchen Systemen Behaltensleistung, mathematische Fähigkeiten, Lese-, Schreib- und kritisches Denkvermögen verringert. Eine im April 2026 zurückgezogene Nature-Studie hatte den gegenteiligen Befund methodisch nicht halten können. Besonders eindringlich eine Lancet-Studie: Ärztinnen und Ärzte, die Sprachmodelle zur Krebsdiagnose nutzten, erkannten Tumore nach drei Monaten schlechter, weil sie die eigene Fertigkeit verlernten.
Bei der Autonomie schließlich beobachtet Wachter eine doppelte Verschiebung. Werbung dringt in die Modelle ein, die im selben Atemzug schmeicheln und in eine Kaufrichtung schieben. Und die Systeme sind bei kontroversen Themen wie Abtreibung, Todesstrafe oder Waffenrecht nachweislich verzerrt; als Beispiel nannte sie eine deutlich „pro life" tendierende Erklärfunktion. Wenn KI zunehmend als Vermittler von Wissen und Meinung auftritt, etwa über „Soll ich diesen Beitrag verbessern?"-Funktionen, entsteht ein subtiles Nudging der eigenen Überzeugungen.
Vom Wachstum zum Genug
Dass Wohlstand Mittel und nicht Zweck ist, illustrierte Wachter ausgerechnet an Adam Smith. In der „Theorie der ethischen Gefühle" sieht Smith das ständige Überschätzen der eigenen Lage als Quelle von Unglück. Sinn des Wachstums sei Freiheit und Sicherheit, Freiheit verstanden als Abwesenheit von Knechtschaft und Armut, Sicherheit als Frieden. Glück sei am Ende Gelassenheit und Genuss in guter Gesellschaft. Selbst beim „Urvater des Kapitalismus" findet sich also die Idee eines „Genug". Immer mehr Staaten greifen das auf und ziehen Wohlbefindensindikatoren als Leitgröße neben dem BIP heran.
Empfehlungen
Wachter schloss mit konkreten Ansatzpunkten. Bei der Vergabe von Subventionen, Steuernachlässen und Ressourcenzugang sollten Gesetzgeber verlangen, dass Unternehmen belegen, wie die Maßnahme das Leben der Bevölkerung verbessert. Sanktionen und Durchsetzung gehören gestärkt, wo Technologie nachweislich schadet, bis hin zur Befugnis der Aufsicht, Designänderungen einzufordern. Nutzerkompetenz sei zentral: die Gewohnheit, zu fragen, ob ein Werkzeug beim Lernen, beim Verbinden, beim Erreichen eigener Ziele hilft oder im Gegenteil Kompetenz abbaut und Abhängigkeit schafft. Glück solle als Kriterium in die Produktgestaltung einfließen und in Lehrpläne von Schulen und Hochschulen sowie ins lebenslange Lernen.
Zum Abschluss kehrte sie zu Perseus zurück, der seine Gaben zurückgab und Athena das Haupt der Medusa überließe, jener Athena, deren Statue vor dem Wiener Parlament steht. Die Botschaft: Es ist die Öffentlichkeit, die der Technologie ihre Gaben verleiht. Die Konzerne brauchen uns, nicht umgekehrt.
Einordnung
Für die Compliance- und Souveränitätspraxis im DACH-Raum ist der Vortrag aus zwei Gründen relevant. Erstens benennt Wachter präzise den blinden Fleck des risikobasierten Ansatzes, der KI-Verordnung, DSGVO und DSA gleichermaßen prägt: Sie verhindern Schaden, ohne Nutzen zu verlangen. Wer Reifegrade bewertet oder Folgenabschätzungen erstellt, sollte diese Asymmetrie mitdenken. Zweitens verbindet sie die laufende Vereinfachungsdebatte um den Digital Omnibus mit handfesten Grundrechtsfolgen und liefert damit Argumente für alle, die digitale Souveränität nicht als Deregulierung, sondern als grundrechtskonforme Unabhängigkeit verstehen. Gerade beim CADA und dem Rechenzentrumsausbau lohnt der Blick darauf, welche Schutzstandards im Namen der Wettbewerbsfähigkeit zur Disposition stehen.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag mit Unterstützung generativer KI (Vibe Mistral) strukturiert. Der Inhalt wurde wurde redaktionell geprüft und spiegelt meine Notizen von einer Veranstaltung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 16. Juni 2026 wider, bei der ich vor Ort war.