W Social im Interview: Was Anna Zeiter über Verifizierung, AT Protocol und das Geschäftsmodell sagt
Anna Zeiter hat in einem knapp einstündigen englischsprachigen Interview mit Philippe Séjalon über den Start von W Social gesprochen. Sie ist Medienrechtlerin, war über zehn Jahre Datenschutzbeauftragte bei eBay und hat zum Thema Meinungsfreiheit promoviert. Das Gespräch ist inhaltlich dichter als die meisten Kurzinterviews zum Thema und beantwortet einige Fragen, die in der bisherigen Berichterstattung offen geblieben sind.
Im Folgenden alle Fragen des Interviews mit kompakten Antworten, gruppiert nach Themen. Danach eine Einordnung.
Start und Momentum
Warum waren die letzten Wochen so intensiv? Vor einem Monat ist die öffentliche Betaversion gestartet, angekündigt im Brüsseler Presseclub vor über 100 Journalisten. Unter den ersten Nutzern: Die Europäische Kommission samt Präsidentin, Parlament, Rat, Europäische Zentralbank und mehrere Medienhäuser.
Wie hat W es geschafft, diese Institutionen an Bord zu holen? Kontakte und Produktdemonstrationen laufen seit Jahresbeginn, nicht erst seit dem Start. Zeiter sieht ein breites Momentum für europäische Techsouveränität, das man aufgegriffen habe.
Wie sehen die Zahlen aus? Die Warteliste ist innerhalb einer Woche von 55.000 auf fast 120.000 Personen gestiegen. Die Anmeldungen kommen aus fast 180 Ländern, was intern als Überraschung gewertet wird.
War das geplant oder eine spontan genutzte Gelegenheit? Beides. Der persönliche Auslöser war die Rede von J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025. Mitte des Jahres kam der Kontakt zu Ingmar Rentzhog aus Schweden zustande, der dieselbe Idee verfolgte.
Warum dann der komprimierte Zeitplan? Ursprünglich war Aufbau 2026 und Start erst im Jahr 2027 geplant. Bei einem Abendessen der Gründer in Stockholm im Dezember sahen sie einen Beitrag von Elon Musk auf X, in dem er erklärte, er wolle die Europäische Union beseitigen. Danach lautete die Vorgabe: maximal sechs Monate.
Warum ausgerechnet vor dem Sommer? Europa macht im Sommer mehrere Wochen Pause. Ein verpasstes Zeitfenster im Juni hätte den Start auf September verschoben, das galt als zu spät.
Warum heißt es W und nicht anders? W ist der Buchstabe vor X im Alphabet, was Zeiter als Zufall bezeichnet. Ein Beitrag heißt auf der Plattform "Wheat", abgeleitet von "Tweet".
Was will die Plattform anders machen?
Was unterscheidet W von anderen Plattformen? Drei Punkte: Verifizierung der Nutzer als Menschen, Infrastruktur auf AT Protocol mit europäischem Hosting, und ein bewusst europäisch ausgerichteter Inhaltsschwerpunkt.
Warum die Verifizierung? Zeiter verweist auf eine Zahl von über 50 Prozent KI-Bots auf X, deren Richtigkeit sie jedoch selbst nicht bestätigt. Ihr Argument: Je mehr Bots mit Hassrede gefüttert werden, desto stärker wird diese fortgeschrieben.
Muss man sich verifizieren? Nein. Ohne Verifizierung ist der Zugang auf Lesen und Liken beschränkt. Wer Inhalte teilen oder interagieren will, muss den Nachweis erbringen.
Was heißt europäischer Inhaltsschwerpunkt? Zeiter beschreibt das Problem, mehr über Vorgänge im Silicon Valley zu erfahren als über Frankreich, Polen oder Österreich. W soll einen Raum bieten, in dem Europäer miteinander sprechen, bleibt aber weltweit offen.
Kann man den Algorithmus einsehen? Derzeit noch nicht. Er soll jedoch künftig transparent gemacht und von Nutzern selbst einstellbar sein, von enger Filterblase bis zum vollen Meinungsspektrum.
Was ist die "Trend Machine"? Eine neue Funktion in W Social, die aus mehreren tausend Quellen zusammenträgt, worüber im gesamten Internet gerade gesprochen wird, aufschlüsselbar nach Land und Thema. Quellen sind unter anderem Medien, öffentlich-rechtliche Angebote, Google Trends, Apple Trends und Meinungsforschungsinstitute.
Wird dafür gescrapt? Nein, die Daten kommen über Programmierschnittstellen aus öffentlichen Quellen. Die Auswertung im Hintergrund erfolgt mit KI.
Wachstum und Team
Wie will W kritische Masse erreichen? Über drei Wege gleichzeitig: von oben über prominente Institutionen und Persönlichkeiten, von unten über eine Einladungsfunktion, und über Branchen wie Kunst, Medien und Unterhaltung. Dazu Partnerschaften mit Medienhäusern.
Soll X geschlagen werden? Nicht jetzt. Das erklärte Ziel ist eine Alternative und ein Herausforderer, nicht die Verdrängung.
Warum kommen derzeit nicht alle sofort auf die Plattform? Kontrolliertes Wachstum. Kundenbetreuung, Systeme und Inhaltemoderation sollen mitwachsen. Freigeschaltet wird in Stapeln von einigen tausend Personen täglich.
Wie groß ist das Team? Rund 20 Personen, überwiegend in Vollzeit. Ein Botschafterprogramm für einzelne europäische Länder ist in Vorbereitung.
Sind Leute mit Erfahrung aus großen Plattformen dabei? Ja, von Microsoft, eBay und Ericsson im Team, im Beirat zusätzlich ehemalige Mitarbeiter von Twitter, Google und PayPal. Zeiter hält das für nötig, weil man deren Arbeitsweise kennen müsse, um sie herauszufordern.
Technik, Daten und Verifizierung
Wo liegen die Daten? Auf eigenen Personal Data Servern in Finnland bei UpCloud. Bewusst ohne Amazon Web Services oder Google Cloud.
Was bringt das AT Protocol den Nutzern? Es ist ein offener, interoperabler Standard. Nutzer können mitsamt Beiträgen und Followern zu Bluesky, Eurosky oder zurück wechseln. Zeiter rechnet damit, dass 95 bis 99 Prozent der Nutzer schlicht auf den W-Servern bleiben.
Wohin geht das hochgeladene Ausweisbild? Es bleibt laut Anna Zeiter auf dem Endgerät des Benutzers. Sie vergleicht den Vorgang mit der Einlasskontrolle in einem Nachtclub: Der Türsteher schaut, speichert aber nicht.
Was steht dann in der Datenbank? Ein Nutzerkennzeichen und ein gehashter Token aus der Ausweisprüfung, dazu die E-Mail-Adresse. Keine Namen, keine Geburtsdaten, keine biometrischen Daten.
Warum dieser Aufbau? Zeiter will nicht auf einer Datenbank mit biometrischen Informationen von Personen wie der Kommissionspräsidentin oder der EZB-Chefin sitzen. Ein solcher Datenbestand wäre ein Risiko, das ein Startup nicht tragen sollte.
Kann man anonym bleiben? Ja. Wer sich mit einem Pseudonym und einer nicht rückführbaren E-Mail-Adresse anmeldet, ist für W nicht identifizierbar. Der Nachweis dient nur der Feststellung, dass es sich wirklich um einen Menschen handelt.
Wie viele Konten pro Person? Eines, maximal zwei bei Trennung von privat und geschäftlich. Mehrfachanmeldungen mit demselben Ausweis lösen einen Alarm aus.
Warum reicht ein Ausweisfoto allein nicht? Weil ein Ausweis gestohlen sein kann. Deshalb Abgleich mit dem öffentlichen Register plus Gesichtsscan.
Lässt sich die Verifizierung über einen fremden PDS umgehen? Nein. Wer über einen anderen Personal Data Server kommt, muss sich für die Interaktion trotzdem verifizieren.
Wurde das System geprüft? Ja, im Mai und Juni waren zwei Wochen lang externe Penetration Tester im Einsatz. Gefunden wurde nach Angaben von Zeiter eine kleinere Schwachstelle, die behoben wurde.
Kann man Profile von X oder LinkedIn übernehmen? Technisch derzeit nicht. Zeiter verweist auf das Recht auf Datenübertragbarkeit nach DSGVO und DSA, das individuell nutzbar ist, aber keine Migration im großen Stil erlaubt.
Skaliert die Infrastruktur? Ja, mit UpCloud wurde von Beginn an ein flexibles Modell vereinbart, bei dem Serverkapazität nach Bedarf ergänzt wird.
Finanzierung und Geschäftsmodell
Wer finanziert W? Über 80 Investoren, schwerpunktmäßig aus den nordischen Ländern, dazu Frankreich, Belgien, Deutschland, Schweiz und Italien. Genannt werden unter anderem Pär Nuder und Kristina Persson, beide ehemalige schwedische Minister, Sandrine Dixson-Declève vom Club of Rome sowie Euractiv-Gründer Christophe Leclercq.
Wie ist die Kontrolle abgesichert? Der Gesellschaftervertrag enthält eine Klausel, wonach nur Europäer mit Stimmrechten investieren können. Damit soll eine spätere Übernahme aus den USA verhindert werden.
Wie viel Kapital braucht W? Aktuell läuft eine Seed-Runde. Angepeilt sind einige weitere Millionen, ausdrücklich nicht die Größenordnung der rund eine Milliarde US-Dollar, die beispielsweise der chinesische Anbieter TikTok für die Marktdurchdringung ausgegeben hat.
Womit soll Geld verdient werden? Mit Werbung und Mikrozahlungen. Werbung startet frühestens Ende nächsten Jahres, das Verkaufsargument lautet: Anzeigen erreichen zu 100 Prozent Menschen.
Was bedeutet das für die Personalisierung? Werbung auf W wird weniger aufdringlich und weniger personalisiert sein als in den USA, weil DSGVO, DSA, europäische Werberichtlinien sowie der britische Online Safety Act eingehalten werden müssen.
Was sind Mikrozahlungen? Einzelne Artikel hinter Bezahlschranken sollen ohne Jahresabonnement zugänglich werden. Beispiel: 20 Euro Guthaben aufladen, dann einzelne Beiträge für 50 Cent oder einen Euro kaufen. Die Erlöse teilen sich Plattform und Medienhäuser.
Geht es um Milliarden und Einhornstatus? Nein. Zeiter verweist auf Angebote großer US-Techkonzerne, die finanziell attraktiver gewesen wären. Ihr Antrieb sei die Stärkung Europas und der europäischen Demokratie.
Moderation und Inhalte
Sind mit KI geschriebene Beiträge erlaubt? Ja. Zeiter nutzt selbst KI zur Grammatikprüfung, da Englisch nicht ihre Muttersprache ist. Ein Verbot ist nicht geplant (Anmerkung des Autors: KI-Kennzeichnung in der EU gilt seit 2. August)
Wo liegt die Grenze? Bei hyperrealistischen, irreführenden KI-Videos mit politischer Wirkung. Ihr Beispiel: kursierende Aufnahmen angeblich in Grönland einmarschierender US-Truppen. Solche Inhalte würden markiert oder entfernt.
Und Falschbehauptungen allgemein? Wer die Erde für eine Scheibe hält, darf das sagen. Zeiter positioniert sich als meinungsfreiheitsfreundlich und will sich an geltendes Recht halten, nicht darüber hinausgehen.
Wie sieht es bei Nacktheit aus? Pornografie ist unerwünscht und wird gefiltert. Bei Grenzfällen wie oben ohne am Strand ist noch keine Entscheidung gefallen, Zeiter räumt ein, dass die Abgrenzung nicht immer eindeutig ist.
Wer entscheidet das? Ein internes Team von drei Personen, unterstützt von zwei Kanzleien, einer europäischen und einer britischen, die Rechtsprechung und Leitlinien beisteuern.
Was war die größte unerwartete Herausforderung? Kritik aus der AT-Protocol-Gemeinschaft daran, dass der Quellcode nicht offengelegt wurde.
Wird der Code veröffentlicht? Teilweise und in Kürze. Der Code zur Ausweisverifizierung bleibt geschlossen, weil er von privaten Investoren finanziert wurde.
Wie ist das Verhältnis zu Bluesky und Eurosky? Nach eigener Darstellung kollegial. Man sieht sich als Teil derselben Familie mit dem gemeinsamen Ziel, X herauszufordern.
Betrieb und Ausblick
Was sind die aktuellsten Herausforderungen? Abarbeitung der Warteliste, Probleme beim Registrieren und Verifizieren, Zufriedenheit nach Erstkontakt mit dem Kundendienst, Anzahl und Art der Serviceanfragen sowie rechtliche Ansprüche. Letztere gab es bisher keine.
Wie schnell werden Nutzer freigeschaltet? In der Nacht vor dem Interview waren es 3.000. Die Warteliste wächst nach jeder Medienberichterstattung spürbar weiter.
Was hält Zeiter von virtuellen Welten? Wenig. Second Life und das Metaverse hätten sich nicht durchgesetzt. Ihre Beobachtung: Menschen sind der Interaktion mit KI-Bots überdrüssig und suchen echte, auch live stattfindende Begegnung.
Was wünscht sie sich für die nächsten zwei Jahre? Zufriedene Nutzer, Spaß auf der Plattform und ein Europa, das zusammensteht.
Einordnung
Das Interview ist aufschlussreich, weil Zeiter an mehreren Stellen präziser wird als in kürzeren Formaten. Drei Punkte verdienen aus Compliance- und Souveränitätssicht besondere Aufmerksamkeit.
Erstens die Verifizierungsarchitektur. Die beschriebene Konstruktion, Ausweisdaten auf dem Endgerät zu belassen und serverseitig nur ein gehashtes Token zu speichern, ist im Sinne von Art. 25 DSGVO nachvollziehbar konzipiert. Datenminimierung ist hier nicht Beiwerk, sondern Risikovermeidung: Ein Startup, das biometrische Daten z.B. europäischer Spitzenpolitiker vorhält, wäre ein hochattraktives Ziel. Offen bleibt die Frage nach dem Verifizierungsdienstleister. Zeiter spricht durchgehend davon, was W nicht speichert, nicht davon, was der Anbieter der Prüfstrecke verarbeitet, wo dieser sitzt und wie lange biometrische Vergleichsdaten dort vorgehalten werden. Genau dort liegt bei solchen Aufbauten üblicherweise das Restrisiko, und genau dort ist Art. 9 DSGVO einschlägig.
Eine Zertifizierung nach ISO27001 wäre ein starker Nachweis für mehr Vertrauenswürdigkeit für den Registrierprozess.
Zweitens die Souveränitätsfrage. Hosting bei UpCloud in Finnland ohne US-Hyperscaler ist ein echtes Unterscheidungsmerkmal und mehr, als die meisten europäischen Alternativen vorweisen können. Gleichzeitig sitzt die Anwendung auf dem AT Protocol, dessen Entwicklung maßgeblich von Bluesky in den USA getrieben wird. Das ist ein gewisser Zielkonflikt: Geschwindigkeit und Interoperabilität gegen Kontrolle über den Protokollstapel. Zeiter benennt ihn nicht als solchen, sondern rahmt ihn als das Beste aus beiden Welten.
Wer digitale Souveränität ernst nimmt, sollte die Governance des Protokolls im Blick behalten, nicht nur den Serverstandort.
Drittens die Moderation. Der Ansatz, sich strikt an geltendes Recht zu halten und nicht darüber hinauszugehen, klingt sauber, verlagert die Last aber vollständig auf die Rechtsanwendung. Drei interne Personen plus zwei Kanzleien sind für eine Plattform, die in mehreren Mitgliedstaaten und im Vereinigten Königreich zugleich operiert, sehr schlank aufgestellt. Sollte W die Schwellenwerte für sehr große Online-Plattformen nach Art. 33 DSA erreichen, kommen Risikobewertung, unabhängige Prüfung und Datenzugang für Forschende hinzu. Das ist aktuell eine andere Größenordnung als der derzeitige Status-Quo.
Bemerkenswert ist die Ehrlichkeit an einer Stelle: Auf die Frage nach Grenzfällen bei Nacktheit antwortet Zeiter sinngemäß, man habe die Entscheidung schlicht noch nicht getroffen. Das ist ungewöhnlich für ein Interview dieser Art und glaubwürdiger als eine ausformulierte Richtlinie, die es noch nicht gibt.
Hinweise zur Quelle
Das Interview wurde auf Englisch geführt, die Antworten oben sind sinngemäß übersetzt und stark verdichtet, keine wörtlichen Zitate. Der Zeitpunkt liegt nach eigenen Angaben der Interviewten Anfang Juli 2026, rund zwei Wochen nach dem Start der öffentlichen Beta.
Einzelne Namen und Zahlen im Gespräch sind nicht gesichert. Zeiter selbst schränkt die Angabe zum Botanteil auf X ein. Die Namen der genannten Investoren wurden hier in der korrekten Schreibweise wiedergegeben, im Gespräch fielen sie teils in abweichender Form. Wer die Aussagen weiterverwenden möchte, sollte sie ggf. gegen Primärquellen prüfen.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde unter Einsatz von OpenAI Whisper und Claude Opus 5.0 erstellt und inhaltlich vom Autor redaktionell überarbeitet und qualitätsgesichert.