Über Maschinen und Öffentlichkeit (15. Brief)
Fünfzehnter Brief von Michael an Andreas
Lieber Andreas,
Du hast am Ende Deines vierzehnten Briefes beschrieben, wohin unsere Medien im Moment gehen. Ich habe diese implizite Frage länger liegen lassen als jede andere, die Du mir gereicht hast, und ich sage Dir gleich zu Beginn, warum. In der Form, in der Du sie stellst, lässt sie sich nicht mehr beantworten. Zwischen Deine Frage und meine Antwort hat sich etwas geschoben, das die Frage selbst verändert hat.
Du hast geschrieben, die Medien hätten vom Teufelswasser getrunken, und die Angst binde ein Publikum schneller als die Hoffnung. Das stimmt weiterhin, Wort für Wort. Nur ist die Redaktion längst nicht mehr der Ort, an dem darüber entschieden wird. Die Öffentlichkeit, über die wir reden, wird inzwischen von Maschinen sortiert, von Maschinen befüllt und, was das Entscheidende ist, von Maschinen beantwortet.
Die Tür, durch die früher gegangen wurde
Ein Befund zuerst, so nüchtern wie ich ihn geben kann. Seit knapp zwei Jahren liefern Suchmaschinen die Antwort selbst, statt auf sie zu verweisen. Die Folgen sind gemessen und sie sind nicht klein: Der Verkehr von Google zu den Nachrichtenseiten ist im Jahresvergleich global um rund ein Drittel eingebrochen, und die befragten Medienhäuser rechnen für die kommenden drei Jahre mit weiteren gut vierzig Prozent, ein Fünftel von ihnen sogar mit mehr als fünfundsiebzig. Einzelne Fachredaktionen haben neun von zehn ihrer Zugriffe verloren, ohne einen einzigen Fehler gemacht zu haben.
Das ist keine Krise der Qualität. Es ist das Ende eines Geschäftsmodells. Die Klickökonomie hat den digitalen Journalismus fünfundzwanzig Jahre lang getragen, schlecht, aber sie hat ihn getragen. Sie verschwindet gerade, und sie verschwindet nicht so, dass man sie mit besseren Überschriften aufhalten könnte.
Wer die Antwort liefert, muss die Quelle nicht mehr nennen. Und wer nicht genannt wird, wird nicht bezahlt.
Das ist die erste Hälfte des Problems. Die zweite ist unangenehmer, weil sie uns selbst betrifft, Dich und mich und jeden, der schreibt.
Die Asymmetrie, an der alles hängt
Die Herstellung von Behauptung ist auf null gefallen. Die Prüfung nicht. Ein Text, ein Bild, eine Stimme, ein Video von einer Person, die es so nie gesagt hat, kosten heute Sekunden und Cent. Die Verifikation kostet weiterhin einen Menschen, Zeit und meistens ein Telefonat. Zwischen diesen beiden Kurven liegt der gesamte Rest dieses Briefes.
Die Herstellung von Behauptung ist gratis geworden. Die Prüfung nicht.
Du hast in Deinem Brief nach den Verboten gefragt und ihnen im selben Satz misstraut. Ich verstehe das Misstrauen besser als früher. Gegen eine Asymmetrie dieser Größenordnung hilft kein Verbot, weil das Verbot voraussetzt, dass man den Verstoß findet. Was hilft, ist, die Beweislast umzudrehen. Dazu komme ich.
Dasselbe Muster, eine Etage tiefer
Bevor wir über Lösungen reden, muss ich den Rahmen weiten, denn was in den Medien sichtbar wird, geschieht überall, nur langsamer und leiser. Und hier will ich der Versuchung widerstehen, das Dramatische für das Wahre zu halten, wie ich es Dir im elften Brief selbst vorgehalten habe.
Die aktuellen Daten geben die große Erzählung vom Arbeitsplatzverlust bisher nicht her. Eine Untersuchung von mehr als zwölftausend europäischen Unternehmen findet durch den Einsatz von KI rund vier Prozent höhere Arbeitsproduktivität und keinen Beschäftigungsrückgang, jedenfalls kurzfristig. Die Europäische Zentralbank kommt für den Euroraum zu einem ähnlich unaufgeregten Ergebnis. Wer Dir heute den Massenverlust der Arbeit ankündigt, weiß mehr, als sich derzeit messen lässt.
Und trotzdem zeigt dieselbe Forschung eine Stelle, an der es sehr wohl bricht: bei den Jungen, in den Einstiegspositionen, in genau den Tätigkeiten, mit denen ein Berufsleben bisher begonnen hat. Recherchieren, zusammenfassen, entwerfen, korrigieren, das erste Mal etwas selbst formulieren und dafür eine Rückmeldung bekommen. Das war nie die wertvolle Arbeit. Es war die Arbeit, an der Menschen wertvoll wurden.
Nicht die Arbeit verschwindet zuerst. Zuerst verschwindet die Lehrzeit.
Ich sehe drei Haltungen dazu, und zwei davon taugen nichts. Die erste ist die ideologische Verneinung, der ich im elften Brief einen Namen gegeben habe, hier in der Gestalt des überlegenen Achselzuckens: alles nur ein Papagei, alles nur Statistik, wird schon vorbeigehen. Die zweite ist die erschöpfte Verneinung: es ist ohnehin nicht aufzuhalten, also wozu hinsehen. Und die dritte, neue, ist die Verzückung, der Glaube, die Maschine werde die Fragen beantworten, an denen wir gescheitert sind, das Klima eingeschlossen. Alle drei enden am selben Punkt, nämlich dabei, dass andere entscheiden.
Vier Hebel, die wir in der Hand haben
Du hast mir vorgeworfen, ich probte meine Kapitulation. Nun, dann lass mich das Gegenteil tun und konkret werden.
Erstens: Herkunft statt Erkennung. Wir werden den Wettlauf um das Erkennen von Fälschungen nicht gewinnen, jeder Detektor ist am Tag seiner Veröffentlichung veraltet. Gewinnen lässt sich nur der umgekehrte Weg: der signierte Nachweis, woher ein Inhalt stammt und wer ihn wie verändert hat. Der Standard dafür existiert, er heißt C2PA, Kameras und Redaktionssysteme können ihn, und seit dem 2. August 2026 verlangt Artikel 50 der KI-Verordnung die Kennzeichnung künstlich erzeugter Inhalte, die maschinenlesbare Form für Bestandssysteme ab Dezember. Seine Schwächen sind bekannt und ich verschweige sie nicht: Ein Bildschirmfoto reicht, um die Kette zu zerreißen, und viele Plattformen entfernen die Metadaten beim Hochladen. Der Nachweis beglaubigt auch nur die Geschichte eines Inhalts, nicht seinen Wahrheitsgehalt. Er ist notwendig und nicht hinreichend, und genau deshalb gehört ihm die zweite Hälfte: ein Mensch oder ein Haus, das für die Veröffentlichung haftet.
Eine Maschine kann jeden Satz schreiben. Haften kann sie für keinen.
Zweitens: Geld an die Quelle statt an den Klick. Wenn der Klick nicht mehr zahlt, muss das bezahlen, was die Maschine nicht kann. Das ist kein Kulturpessimismus, es ist eine Marktbeobachtung: An einem Ort körperlich anwesend zu sein, eine Akte zu bekommen, mit einem Menschen zu sprechen, der sonst nicht spricht. Daraus folgen drei Wege, die alle schon beschritten werden. Die direkte Beziehung zum Publikum, also Abonnement und Mitgliedschaft statt Reichweite. Die kollektive Lizenzierung gegenüber den Modellanbietern, weil einzelne Redaktionen dort nichts verhandeln und viele sehr wohl. Und die öffentliche Finanzierung dessen, was sich nie rechnen wird, mit einem Abstand zur Politik, der nicht verhandelbar ist. Der Zähler, von dem Du geschrieben hast, hat hier sein Gegenstück, nur ein unbequemeres: Bei Deiner Wärmepumpe misst er, was hereinkommt. Beim Journalismus misst er, was ohne ihn geschehen wäre und nicht geschehen ist.
Drittens: Infrastruktur, die uns gehört. Am 3. September sind drei der wichtigsten KI-Anbieter innerhalb von neunzig Minuten ausgefallen, und ein guter Teil der westlichen Wissensarbeit stand still. Das ist dieselbe Monokultur, über die wir in unseren ersten vier Briefen geschrieben haben, nur eine Schicht höher und mit kürzerer Reaktionszeit. Die Antwort darauf ist nicht das Bekenntnis, sondern der Aufbau: offene Gewichte dort, wo die Daten das Haus nicht verlassen dürfen, europäische oder lokal betriebene Modelle für den Regelbetrieb, das beste verfügbare Modell für den Sonderfall, und eine Architektur, die den Wechsel jederzeit erlaubt. Du hast mit Gladwell argumentiert, jede Wärmepumpe in der Straße senke die Schwelle für das nächste Haus. Mit jedem selbst betriebenen Modell verhält es sich genauso.
Viertens: das Gesetz, ehrlich betrachtet. Ich habe Dir im dreizehnten Brief geschrieben, der Hebel werde von genau den Händen weggetreten, die ihn halten müssten. Das ist hier fast wieder passiert. Der Digital Omnibus hat die Pflichten für Hochrisikosysteme vom 2. August 2026 auf den 2. Dezember 2027 verschoben, für KI in regulierten Produkten sogar auf 2028. Sechzehn Monate, in einem Feld, das sich in sechzehn Wochen verändert. Aber der Unterschied zum Verbrenner-Aus ist wichtig, und ich habe zu oft beides in einen Topf werfen hören: Hier wurde vertagt, nicht abgeräumt. Die verbotenen Praktiken gelten seit Februar 2025, die Pflichten für Basismodelle seit August 2025, die Transparenzpflichten seit August 2026, und die Pflicht zur KI-Kompetenz gilt ebenfalls. Ein vertagter Hebel ist ein Hebel. Wer jetzt aufhört zu bauen, weil er später muss, wird im Dezember 2027 unter Zeitdruck dasselbe tun, nur schlechter.
Der Hebel wurde nicht weggetreten. Er wurde vertagt. Das ist ein Unterschied, und derzeit der nützlichste, den wir haben.
Was ich mir selbst auferlegt habe
Im elften Brief habe ich Dir drei Praktiken beschrieben. Hier sind die drei, die dazugekommen sind.
Die erste ist die Herkunftsfrage vor der Inhaltsfrage. Ich frage bei einem Text, einem Bild, einer Zahl nicht mehr zuerst, ob es stimmt, sondern wer dafür geradesteht. Das ist keine Skepsis, sondern Ökonomie: Die Prüfung des Inhalts kostet mich Stunden, die Prüfung der Verantwortlichkeit kostet mich eine Minute und schließt neunzig Prozent aus.
Die zweite ist das Werkzeug statt des Orakels. Ich verwende diese Systeme täglich und intensiv, aber nur dort, wo ich das Ergebnis selbst beurteilen kann. Wo ich es nicht kann, verwende ich sie nicht, und wo ich sie verwendet habe, schreibe ich es dazu. Die Rechenschaft bleibt vollständig bei mir. Das ist kein moralischer Zusatz, das ist die einzige Betriebsart, in der diese Werkzeuge überhaupt verantwortbar sind.
Die dritte ist die bezahlte Quelle. Ich zahle für Journalismus, den ich lesen will, statt ihn mir zusammenfassen zu lassen. Eine Zusammenfassung dessen, was niemand mehr recherchiert, ist bald keine Zusammenfassung mehr, sondern eine Erfindung.
Die Antwort auf Deine Frage
Wohin sollen unsere Medien also gehen? Weg von der Reichweite, hin zur Haftung. Weg vom Klick, hin zur Beziehung. Weg von der Geschwindigkeit, hin zur Anwesenheit. Was eine Maschine in einer Sekunde erzeugen kann, ist ab sofort wertlos, egal wie gut es gemacht ist. Was übrig bleibt, ist das, wofür jemand mit seinem Namen einsteht, an einem Ort war, eine Frage gestellt hat, die unangenehm war, und im Zweifel dafür belangt werden kann. Das ist weniger, als wir hatten. Es ist aber härter, als das meiste, was wir hatten.
Und damit reiche ich Dir die Frage zurück, und diesmal ist es Deine Disziplin, nicht meine. Du gehst in Unternehmen hinein, entscheidest auf Zeit und gibst sie wieder ab. Wenn die Einstiegsarbeit verschwindet, an der bisher Urteilsvermögen entstanden ist, woher kommt dann die nächste Generation derer, die entscheiden können? Wir haben in dieser Korrespondenz vierzehn Briefe lang über die Alten geschrieben, die nicht mehr wollen. Ich fürchte, die dringendere Frage ist inzwischen, ob wir den Jungen noch die Jahre lassen, in denen sie es lernen könnten.
Lass uns weitermachen.
Michael
Dieser Text ist ein Experiment: ein öffentlicher Briefwechsel zwischen Michael Mrak und Andreas Bruckmüller, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität, weit über den digitalen Kontext hinaus, im Dialog weiterentwickelt werden.