Über Verweigerung und Gesetz (13. Brief)
Dreizehnter Brief von Michael an Andreas
Lieber Andreas,
Du hast mir am Ende Deines zwölften Briefes einen Auftrag gereicht, und ich nehme ihn an, so wie man einen Auftrag annimmt, von dem man ahnt, dass er einen überfordert. Wie baut man das Vertrauen, das Menschen bereit macht, ein Netz in ihre Häuser greifen zu lassen? Du hast Deinen Beweis errichtet, Dein Zähler hält, Du bist der Nachbar mit der Wärmepumpe. Und Du sagst, der technische Akt sei das kulturelle Argument. Für die, die hinsehen, hast Du recht. Mein ehrlicher Beginn ist ein anderer: Ich kenne Menschen, für die Dein Zähler nicht existiert, weil sie sich weigern, ihn anzusehen.
Lass mich Dir von ihnen erzählen, denn sie sind der Grund, warum ich Deinen Optimismus liebe und ihm trotzdem nicht ganz traue.
Es sind Menschen in meinem Alter und jünger. Sie sagen Sätze wie Ein Elektroauto kommt mir nicht ins Haus, und sie sagen das mit einer Endgültigkeit, die keine Frage mehr zulässt. Einer von ihnen hat sich im vergangenen Winter, sehenden Auges, eine nagelneue Ölheizung einbauen lassen. Nicht aus Not, nicht weil nichts anderes ging. Aus Trotz. Er kennt die Zahlen. Er liest dieselben Nachrichten wie ich. Er sieht die Sommer, die nicht mehr dieselben sind, die Böden, die sich verändern, die Versicherungsprämien, die steigen. Und er entscheidet sich, all das nicht gelten zu lassen.
In meinem elften Brief habe ich zwei Sorten von Verneinung getrennt: die ideologische, die aus Identität gebaut ist, und die erschöpfte, die aus Überforderung kommt. Diese Menschen sind eine dritte Gestalt, oder genauer, die ideologische in ihrer bequemsten, häuslichsten Form. Es ist nicht der bezahlte Lobbyist und nicht der nächtliche Verzweifelte. Es ist der Mann, weil meistens sind es Männer, der sein Leben in einer bestimmten Welt eingerichtet hat und die Veränderung nicht als Tatsache erlebt, die man abwägt, sondern als Beleidigung dessen, was er aufgebaut hat. Sein Nein ist keine Wissenslücke. Es ist eine Vorabentscheidung.
Wer den Beweis verweigert, verweigert nicht die Wahrheit, sondern sich selbst.
Und hier, Andreas, muss ich Dir etwas zugeben, das ich Dir bisher in keinem Brief zugemutet habe. Dort dringe ich nicht durch. Nicht mit Deinem Zähler, nicht mit dem Nachbarn und seiner Wärmepumpe, nicht mit meiner Geduld, nicht mit der Frage vor der Antwort, die ich mir selbst auferlegt habe. Du hast geschrieben, jede Entscheidung habe ihren Preis. Der Preis, den dieser Mann zahlen müsste, ist das Eingeständnis, schon seit langem die falsche Welt verteidigt zu haben, und diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen. Lieber zahlt er ihn in Heizöl. Das kulturelle Argument, von dem Du sprichst, läuft an ihm ab wie Wasser am Lack. Ich werde nicht so tun, als wäre es anders.
Was also schließt das Fenster, wenn der Mensch am Fenster sich weigert zu wählen? Es bleibt nur eines. Das Gesetz.
Das Gesetz hat den großen Vorzug, dass es niemanden überzeugen muss. Es muss keine Identität erschüttern und keine Sorge aussprechen. Es setzt den Preis, es nimmt den billigen Ausweg weg, es macht den Ölkessel zu der teuren Torheit, die er ökonomisch ohnehin schon wird. Was Du Entscheidungsfreude nennst, die Disposition des Einzelnen, hat auf der Ebene der Gesellschaft einen anderen Namen: Regulierung. Sie ist die kollektive Form Deiner privaten Entscheidung. Sie entscheidet am Fenster für jene, die nicht entscheiden wollen.
Das Gesetz muss niemanden überzeugen. Es muss nur den billigen Ausweg schließen.
Und genau hier, mein Freund, fällt mein Optimismus in sich zusammen, und ich reiche Dir Deinen Auftrag härter zurück, als Du ihn mir gegeben hast. Sieh Dir an, was gerade mit dem Hebel geschieht, auf den ich baue.
Das Verbrenner-Aus für 2035, einer der wenigen Pflöcke, die wir im Boden hatten, ist im Dezember herausgezogen worden. Aus hundert Prozent wurden neunzig, Hybride und E-Fuels und Verbrenner dürfen weiterlaufen, der Rest wird mit grünem Stahl verrechnet. Der deutsche Kanzler Merz hat einen Brief nach Brüssel geschrieben, die Industrie hat applaudiert, und im Frühjahr hat das Parlament die Sache noch weiter verwässert. Das EU-Klimaziel für 2040 steht zwar, neunzig Prozent, im März beschlossen. Aber es steht auf weichem Grund: ab 2036 bis zu fünf Prozent über internationale Zertifikate, also nur noch fünfundachtzig Prozent im Inland, zweijährliche Überprüfungen, die eigens dafür eingebaut wurden, das Ziel im Laufen wieder absenken zu können, und der ETS-II ein Jahr nach hinten geschoben. Und bei uns in Österreich ist das Erneuerbare-Wärme-Gesetz, das den Ausstieg aus der Ölheizung im Bestand verbindlich machen sollte, an der Zweidrittelmehrheit hängengeblieben und im Kern auf den Neubau zusammengeschrumpft. Für den Bestand fehlt die Pflicht. Genau deshalb konnte mein Bekannter seinen neuen Kessel ganz legal einbauen. Der Hebel, auf den ich zähle, wird von genau den Händen weggetreten, die ihn halten müssten.
Und es geschieht nicht zufällig. Du hast in einem früheren Brief von den Spaltern gesprochen, von denen, die vom Zerfall profitieren. Sie sind wieder da, und sie sind Rattenfänger im Wortsinn: Sie scharen die Verängstigten um sich, indem sie die Chance in eine Bedrohung umdeuten. Der Übergang, der die Kosten senken und uns gegen Abhängigkeit härten würde, wird verkauft als das, was kommt, um ihnen das Auto, den Kessel, die gewohnte Welt zu nehmen. Und jenseits des Atlantiks hat der Anführer der stärksten Wirtschaftsmacht der Welt drill, baby, drill zum Glaubenssatz gemacht, ist zum zweiten Mal aus dem Pariser Abkommen ausgetreten, hat die nachhaltige Energiepolitik in Davos im Jänner als größten Schwindel der Geschichte bezeichnet. Der mächtigste Mann der Erde erklärt den Zähler für einen Betrug. Welche Chance hat dann der Zähler meines Bekannten, wenn sein Präsident ihm sagt, der Zähler lüge?
Damit komme ich zu der Frage, die ich Dir wirklich stellen will, und ich stelle sie ohne die Schutzhaltung, die ein Brief sonst erlaubt. Ist das ein vorübergehendes Aufzucken, das letzte laute Sich-Wehren einer Ordnung, die längst weiß, dass sie stirbt? Oder sind der Planet und die Menschen auf ihm wirklich am Ende? Ich verschweige Dir nicht, dass ich das frage. Ich frage es, wenn ich aus einem Gespräch wie das vorher zitierte komme, das nicht gut gelaufen ist, und ich frage es, wenn ich die Nachrichten lese.
Und dann, mein Freund, ertappe ich mich, denn ich erkenne die Stimme. Der Satz wir sind am Ende ist meine eigene erschöpfte Verneinung, die mein Gesicht trägt. Es ist genau die Tür, die zugefallen ist, weil sie zu lange offen war. Sich für verloren zu erklären, ist der eine Zug, der den Verweigerern garantiert den Sieg schenkt, denn die Resignation ist das, worauf sie wetten. Sie brauchen uns müde. Müde Menschen treffen keine Entscheidungen mehr.
Resignation ist die einzige Niederlage, die sich selbst erfüllt.
Die Physik kümmert sich nicht um Davos. Die Kostenkurve, die Du mir geschickt hast, dreht sich nicht um, weil ein Präsident sie leugnet. Der billigste Strom der Geschichte bleibt der billigste, ob er ein Schwindel genannt wird oder nicht. Und die Zahlen, vor denen mir graut, das Jahr 2024 als erstes über anderthalb Grad, der Pfad, der auf zweieinhalb, drei zusteuert, sind kein Urteil. Sie sind eine Messung dessen, wie viel noch in unserer Hand liegt. Verloren ist eine Entscheidung, keine Tatsache. Und das ist die eine Entscheidung, die ich verweigere.
Also hier ist meine Antwort auf Deinen Auftrag, und die Frage, die ich Dir zurückreiche. Vertrauen baut sich nicht über das Argument und nicht über den Zähler allein. Es baut sich, indem man die richtige Wahl zur einfachen und zur billigen macht, indem ein Gesetz die Willigen vor den Unwilligen schützt, und indem wir den Rattenfängern die Resignation verweigern, von der sie sich nähren. Den Mann mit dem neuen Ölkessel erreiche ich vielleicht nie. Aber für ihn schreibe ich nicht. Ich schreibe für die größere Zahl, die noch beobachtet, wohin der Wind sich dreht, wohin das Gesetz sich dreht, wohin wir uns drehen. Du hast Entscheidungsfreude gefordert. Dann sei die Entscheidung diese: nicht auf die Verweigerer zu warten, und nicht an ihnen zu verzweifeln. Den Beweis errichten, die Linie beim Gesetz halten, das Aufzucken überdauern.
Ist es ein Aufzucken, gewinnen wir, indem wir es aushalten. Ist es das Ende, verlieren wir nichts, wenn wir gehandelt haben, als wäre es keines. In beiden Fällen ist das Handeln die einzige Haltung, die ihren Preis trägt.
Lass uns also weitermachen, nicht weil der Ausgang gewiss wäre, sondern weil die Gewissheit des Scheiterns die einzige ist, die wir uns nicht leisten können.
Michael
Dieser Text ist ein Experiment: ein öffentlicher Briefwechsel zwischen Michael Mrak und Andreas Bruckmüller, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität, weit über den digitalen Kontext hinaus, im Dialog weiterentwickelt werden.