Über Verneinung und Zuversicht (11. Brief)

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Über Verneinung und Zuversicht (11. Brief)
Elfter Brief von Michael an Andreas

Mein lieber Freund Andreas,

Dein zehnter Brief hat eine Drehung vollzogen, für die ich Dir dankbar bin. Ich war in meinem neunten Brief bei der Diagnose stehengeblieben. Du hast die Diagnose genommen und sie in eine Bewegung übersetzt: nicht Verzweiflung, sondern Beschleunigung. Nicht Überzeugung als Voraussetzung, sondern Arithmetik als Hebel. Das ist die nüchternste Form von Hoffnung, die ich seit langem gelesen habe, und sie hat mich überzeugt.

Aber sie lässt eine Frage offen, an der ich seit langem kaue. Es ist die Frage, die mir Leserinnen und Leser nach jedem unserer Briefe stellen, und es ist die Frage, die ich mir selbst am häufigsten stelle, wenn ich aus einem Beratungstermin komme, der nicht gut gelaufen ist.

Was machen wir mit denen, die nicht mitkommen wollen? Mit den ewig Verneinenden, mit den Leugnern, mit den vom Untergang Erschöpften?

Du sagst, die Mehrheit will, dass dieser Wandel gelingt. Ich glaube Dir das. Aber die laute Minderheit, die genau das nicht will, ist gerade wieder dabei, das Tempo der Mehrheit zu bestimmen. Sie sitzt in Aufsichtsräten, sie schreibt Leitartikel, sie organisiert Wahlkämpfe, sie füllt Kommentarspalten. Und sie wird nicht durch Argumente überzeugt, weil das Verneinen nicht aus einem Mangel an Argumenten kommt.

Das ist der Punkt, an dem ich anders ansetzen möchte als bisher. Ich möchte nicht über die reden, die wir gewinnen sollen. Ich möchte über uns reden, über jene, die führen, beraten, entscheiden, schreiben. Über die Disziplin, die wir entwickeln müssen, wenn wir uns mit Menschen unterhalten, deren erste, zweite und dritte Antwort nein lautet.

Die zwei Sorten von Verneinung

Wer in unseren beruflichen Umfeld unterwegs ist, lernt früh, zwei Arten von Verneinung auseinanderzuhalten, auch wenn sie auf den ersten Blick identisch klingen.

Die erste ist die ideologische Verneinung. Sie ist mit Fakten nicht erreichbar, weil sie nicht aus Fakten gebaut ist. Sie ist eine Identität. Wer den menschengemachten Klimawandel im Jahr 2026 noch grundsätzlich bestreitet, tut das nicht, weil ihm Daten fehlen. Er tut es, weil seine Zugehörigkeit zu einer politischen, sozialen oder beruflichen Gruppe davon abhängt, ihn zu bestreiten. Argumentiert man hier mit Studien, stärkt man die Identität, anstatt sie zu erschüttern. Das ist die Psychologie der Gegenmobilisierung, und sie ist seit Jahrzehnten dokumentiert.

Die zweite ist die erschöpfte Verneinung. Sie sieht oberflächlich ähnlich aus, ist aber etwas völlig anderes. Sie kommt von Menschen, die zugehört haben, die wissen, was die Lage ist, und die deshalb nicht mehr hinhören wollen. Sie ist keine Identität, sondern ein Schutzschild. Hinter ihr steckt nicht der Glaube, dass das Problem nicht existiert, sondern die Sorge, dass es zu groß ist, um noch irgendetwas dagegen zu tun.

Die ideologische Verneinung ist eine Mauer. Die erschöpfte Verneinung ist eine Tür, die zugefallen ist, weil sie zu lange offen war.

Beide verlangen unterschiedliche Antworten. Wer sie verwechselt, scheitert an beiden.

Was bei der ideologischen Verneinung wirklich hilft

Ich habe in den vergangenen Jahren viele Gespräche geführt, die in dieselbe Sackgasse mündeten. Ich kam mit Zahlen, mein Gegenüber kam mit anderen Zahlen, am Ende waren wir beide ärgerlich, und niemand hatte seine Position verändert. Die Klimakommunikationsforschung beschreibt das Muster seit Jahren. Per Espen Stoknes hat es das psychologische Klimaparadoxon genannt: Je mehr Fakten wir auftischen, desto stärker wird die Abwehr derer, die sich von den Fakten bedroht fühlen.

Was hingegen wirkt, ist erstens nicht zu missionieren. Wer mit dem Ziel in ein Gespräch geht, das Gegenüber zu bekehren, wird nichts erreichen. Wer mit dem Ziel hineingeht, die Gründe der anderen Seite tatsächlich zu verstehen, manchmal sehr viel.

Was wirkt, ist zweitens, die gemeinsame Ebene zu finden, die nicht im Streit steht. Ein Landwirt, der den Begriff Klimawandel ablehnt, wird Dir bereitwillig erzählen, wie unberechenbar das Wetter geworden ist, wie sich die Böden verändern, wie er seine Pflanzkalender umstellen muss. Ein Hausbesitzer, der gegen die Energiewende wettert, kennt seine Heizkostenabrechnung genau. Ein Geschäftsführer, der den Green Deal als Bürokratiemonster verflucht, hat trotzdem eine sehr klare Vorstellung davon, was Versicherungsprämien für extremwetterbedingte Schäden mit seiner Bilanz machen. Das sind Eingänge, keine Schlachtfelder.

Was wirkt, ist drittens, dass die Lösung vor dem Problem steht. Wer mit der Katastrophe einsteigt, schließt Türen. Wer mit der Lösung einsteigt und dann erst sagt, welches Problem sie löst, öffnet sie. Das ist ein altes Vertriebsprinzip, und es funktioniert in der politischen Kommunikation nicht anders als in der kommerziellen.

Was wirkt, ist viertens, soziale Modelle zu zeigen. Menschen ändern ihr Verhalten selten, weil sie überzeugt wurden. Sie ändern es, weil andere Menschen, die ihnen ähneln, es vorgemacht haben. Der Nachbar mit der Wärmepumpe wirkt stärker als jede Studie. Der Wettbewerber, der elektrifiziert hat und Geld spart, wirkt stärker als jedes Whitepaper.

Und was wirkt, fünftens, ist die Sprache zu wechseln. Nicht jede Debatte muss als Klimadebatte geführt werden. Energieunabhängigkeit, Standortsicherung, Resilienz, Versicherbarkeit, Generationenverantwortung, all das sind Begriffe, die zu Ergebnissen führen, die wir wollen, ohne in die Schützengräben zu führen, in denen wir feststecken. Du hast es im zehnten Brief vorgemacht, als Du die Energiewende als Absicherungsargument formuliert hast. Das ist genau dieselbe Sache, in einer Sprache, die niemanden in die Identitätsverteidigung zwingt.

Manche Wahrheiten kommen besser an, wenn sie nicht als Wahrheit auftreten, sondern als gute Idee.

Das ist keine Anbiederung. Das ist die Einsicht, dass Sprache Bedingungen schafft. Wer sie nicht beherrscht, verschenkt die halbe Wirkung dessen, was er sagt.

Was bei der erschöpften Verneinung hilft

Die andere Gruppe ist mir näher und tut mir mehr weh, weil ich sie besser verstehe. Es sind die, die nachts nicht schlafen, weil sie die Zahlen kennen. Die ihren Kindern keine ehrliche Antwort mehr geben können, wenn sie nach der Zukunft gefragt werden. Die zwischen Trauer, Ärger und Lähmung hin und her pendeln. Die Forschung nennt das Klimaangst, und sie ist kein Randphänomen mehr. Die großen Erhebungen der vergangenen Jahre zeigen, dass ein erheblicher Teil junger Menschen sie kennt, und dass die Belastung dort am größten ist, wo das Gefühl überwiegt, nichts tun zu können.

Hier ist die Aufgabe eine andere. Es geht nicht darum, jemanden zu überzeugen. Es geht darum, die Handlungsfähigkeit zurückzugeben.

Die Umweltpsychologie unterscheidet, recht hilfreich, drei Arten, mit Belastung umzugehen. 

  • Problemzentriert: Was kann ich konkret verändern, in meinem Wirkungskreis, mit meinen Mitteln? 
  • Emotionszentriert: Wie reguliere ich, was ich fühle, wenn ich die Nachrichten lese? 
  • Bedeutungszentriert: Wie deute ich meine Rolle in dem, was geschieht, neu?

Wer Menschen beistehen will, die in Zukunftsangst gefangen sind, sollte alle drei Türen öffnen, nicht nur eine. Nur über Handeln reden, wenn jemand emotional am Ende ist, wirkt zynisch. Nur über Gefühle reden, wenn jemand handeln will, wirkt entmündigend. Und die wichtigste der drei Türen, die bedeutungszentrierte, wird am häufigsten vergessen.

Sie öffnet sich mit einer einfachen Verschiebung: vom Opfer der Umstände zum Mitgestalter unter Umständen. Niemand kann den Klimawandel allein aufhalten. Aber jeder kann sich entscheiden, in welcher Rolle er ihm gegenübertreten will. Und diese Entscheidung ist nicht klein. Sie verändert, wie ein Mensch durch seinen Tag geht, welche Gespräche er führt, welche Entscheidungen er trifft, welche Stelle er annimmt, welche Aufträge er ablehnt.

Du hast im achten Brief gesagt: Diese vier Eigenschaften kann man üben. Nicht perfektionieren. Ich glaube, dasselbe gilt hier. Niemand entkommt der Zukunftsangst ein für alle Mal. Aber jeder kann üben, sie nicht zur leitenden Stimme werden zu lassen.

Die drei Praktiken, die ich mir selbst auferlegt habe

Damit dieser Brief nicht in der Theorie bleibt, sage ich Dir, was ich konkret tue. Nicht, weil meine Praxis die einzig richtige wäre, sondern weil sie mich davor bewahrt hat, in beiden Lagern gleichzeitig zu landen, im zynischen und im resignierten.

  • Die erste Praxis ist die Frage vor der Antwort. Wenn jemand mir gegenüber den Klimawandel relativiert, antworte ich nicht mit Fakten. Ich frage. Was würde sich für Dich ändern, wenn es stimmte, was die Forschung sagt? Worüber müsstest Du dann anders nachdenken? Was würde Dich davon am meisten treffen? Diese Fragen tun nicht weh, weil sie nichts unterstellen. Sie öffnen aber etwas, das in der reinen Tatsachendebatte verschlossen bleibt: die Sorge, die hinter dem Verneinen steht. Manchmal ist es die Sorge um den Job. Manchmal um die Identität. Manchmal um das Gefühl, im Recht gewesen zu sein. Solange diese Sorge nicht ausgesprochen ist, bewegt sich nichts. Sobald sie ausgesprochen ist, hat man eine Grundlage, auf der man weitergehen kann.
  • Die zweite Praxis ist die kleine Verabredung statt der großen Bekehrung. Ich versuche, aus jedem Gespräch mit einer Handlung herauszugehen, die für beide Seiten trägt. Nicht: Lass uns gemeinsam die Welt retten. Sondern: Lass uns nächsten Monat die Heizungsdaten Deines Bürogebäudes anschauen. Lass uns prüfen, was eine PV-Anlage auf Deinem Dach kostet. Lass uns Deinen Fuhrpark einmal sauber durchrechnen. Aus solchen kleinen Verabredungen entstehen Tatsachen. Aus großen Erklärungen entsteht Streit.
  • Die dritte Praxis ist die Selbstpflicht zur Nachricht des Gelingens. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag mindestens eine Meldung mit Substanz zur Kenntnis zu nehmen, in der etwas funktioniert hat. Nicht aus Schönfärberei. Sondern weil unser mediales Umfeld so gebaut ist, dass es genau das ausblendet. Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser, und unser Gehirn ist evolutionär darauf gepolt, sie stärker zu gewichten als gute. Wer dem nichts entgegensetzt, landet zwangsläufig im Eindruck, dass alles schlechter wird, auch dort, wo es nachweislich besser wird. Das wäre, wie Du im zehnten Brief gesagt hast, nicht Realismus. Das wäre die Verwechslung des Lauten mit dem Wahren.

Wer sich diese Hygiene nicht zumutet, ist nach drei Monaten erschöpft. Wer sie sich zumutet, hält auch im elften Jahr noch durch.

Optimismus ist keine Stimmung. Er ist eine Hygiene des Blicks.

Was wir Klimawandelleugnern nicht geben sollten

Lass mich noch etwas sagen, das vielleicht widersprüchlich klingt zu allem, was vorausgegangen ist. So geduldig wir mit den erschöpft Verneinenden sein müssen, so unnachgiebig sollten wir gegenüber der professionellen, organisierten, finanzierten Verleugnung sein. Was wir ihr nicht geben dürfen, ist die falsche Balance.

Es gibt in Redaktionen, Podien und Aufsichtsräten noch immer den Reflex, jede Aussage zur Klimakrise mit einer Gegenrede zu konfrontieren, als wäre die Frage, ob die Erde sich erwärmt, eine Geschmacksfrage. Das ist sie nicht. Sie ist Physik. Wer in Diskussionen, die ein wissenschaftliches Fundament haben, jeder fundierten Stimme eine unfundierte Gegenstimme zur Seite stellt, schafft eine künstliche Patt-Situation, die der Wahrheit nicht entspricht. Genau diese Patt-Situation ist die rhetorische Hauptware der organisierten Verleugnung. Wir sollten aufhören, sie zu liefern.

Das heißt nicht, dass man Andersdenkende nicht zu Wort kommen lässt. Es heißt, dass man darauf bestehen sollte, dass das Wort, das sie ergreifen, mindestens denselben Belegstandard erfüllt wie das Wort, dem sie widersprechen. Im fünften Brief hast Du die Spaltung als Methode derer beschrieben, die vom Zerfall profitieren. Die falsche Balance ist eines ihrer wichtigsten Werkzeuge. Sie verbraucht unsere Energie in Endlosdebatten über Erledigtes und hält uns davon ab, die offenen Fragen zu klären, die wir tatsächlich gemeinsam beantworten müssten.

Toleranz gegenüber Menschen ist eine Tugend. Toleranz gegenüber leerer Behauptung ist es nicht.

Das ist, glaube ich, die feinste Linie in diesem ganzen Komplex. Geduld mit den Personen, Strenge mit der Methode.

Warum das alles nicht naiv ist

Ich höre, während ich das schreibe, den Einwand, der jetzt kommt. Schön, aber die Welt brennt, und wir reden über Gesprächsführung. Ich verstehe den Einwand, und ich habe ihn selbst genug oft gemacht. Aber er greift zu kurz.

Jede strukturelle Veränderung, die ich in meiner Berufslaufbahn beobachtet habe, hat zwei Schichten: eine technische und eine kulturelle. Die technische ist meistens schneller. Die kulturelle ist meistens entscheidend. Wer nur die technische Schicht angeht, baut Lösungen, die niemand will. Wer nur die kulturelle angeht, redet sich um Kopf und Kragen, ohne dass etwas geschieht. Die Beschleunigung, die Du im zehnten Brief beschrieben hast, ist die technische Hälfte. Das, was ich hier zu beschreiben versuche, ist die kulturelle. Beide brauchen einander.

Und beide brauchen Menschen, die geübt sind in beidem. Die wissen, wie eine Wärmepumpe in einem Bestandsgebäude wirtschaftlich wird, und die wissen, wie man mit dem Bauherrn umgeht, der zehn Jahre lang erklärt hat, das werde nie funktionieren. Die einen Geschäftsbericht lesen können und ein Gespräch am Küchentisch führen. Die einen Aufsichtsrat überzeugen und einer Nachbarin zuhören. Diese Doppelbegabung ist selten, und sie ist genau das, was die kommenden Jahre brauchen werden.

Du hast Deinen Brief mit Lass uns ans Werk gehen geschlossen. Ich schließe mit einer schmalen Ergänzung: Lass uns auch mit denen ans Werk gehen, die noch nicht überzeugt sind, und mit denen, die einmal überzeugt waren und es nicht mehr aushalten. Beide sind Teil der Mehrheit, von der Du gesprochen hast. Nur dass die einen noch zu uns gefunden werden müssen, und die anderen wieder.

Die Energiewende ist eine technische Aufgabe. Die Gesellschaftswende, die sie trägt, ist eine sprachliche, eine psychologische, eine zwischenmenschliche. Sie verlangt von uns, geduldiger zu sein als wir uns leisten zu können glauben, und kompromissloser als es uns angenehm ist. Beides gleichzeitig.

Das ist die Disziplin, die ich Dir, mir und allen, die mitlesen, ans Herz lege. Sie ist nicht naiv. Sie ist die einzige, die ich kenne, in der wir die nächsten zwanzig Jahre nicht verlieren.

Michael


Dieser Text ist ein Experiment: ein öffentlicher Briefwechsel zwischen Michael Mrak und Andreas Bruckmüller, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität, weit über den digitalen Kontext hinaus, im Dialog weiterentwickelt werden.

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