ActivityPub vs. AT Protocol: Warum das neuere Protokoll mehr kann, als viele denken

Teilen
ActivityPub vs. AT Protocol: Warum das neuere Protokoll mehr kann, als viele denken
Photo by Merakist / Unsplash

Hinter dezentralen Plattformen wie Mastodon und Bluesky stecken grundlegend verschiedene Protokolle mit unterschiedlichen Designzielen. ActivityPub gilt als der bewährte Open Source Standard, das AT Protocol als der ebenfalls offene Newcomer mit Rückenwind aus dem Silicon Valley. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber: ATProto löst einige strukturelle Schwächen des älteren Protokolls, die für Nutzer wie für Betreiber relevant sind.

Vergleich im Detail

ActivityPubAT Protocol (ATProto)
Standardstatus: W3C-Empfehlung (2018)Standardstatus: Offen, kein formales Gremium
Identität: Server-gebunden: @user@instanz.social. Wechsel der Instanz bedeutet praktisch Identitätsverlust.Identität: Portierbare DID. Identität ist unabhängig vom Hosting-Provider. Der eigene Domain-Name wird zum Handle.
Datenportabilität: Eingeschränkt. Follows, Posts und Medien müssen manuell migriert werden; kein standardisiertes Exportformat.Datenportabilität: Vollständig portierbar. Das Personal Data Repository (PDS) enthält alle Daten kryptografisch signiert. Umzug zu einem anderen PDS-Provider ohne Datenverlust.
Anbieterunabhängigkeit: Instanzbetreiber kontrolliert Daten vollständig. Schließt die Instanz, sind Daten weg.Anbieterunabhängigkeit: Nutzer besitzt die Daten, nicht der Hoster. Stirbt der PDS-Anbieter, zieht man um, ohne Follower oder History zu verlieren.
Content-Discovery: Instanzlokal oder über manuelle Suche. Kein netzwerkweites Relay.Content-Discovery: Globaler Relay-Graph. Algorithmic Feeds als separater, austauschbarer Layer (AppViews), nicht in die Plattform eingebaut.
Algorithmische Feeds: Kaum standardisiert; von Instanz zu Instanz verschieden.Algorithmische Feeds: Feed-Ökosystem: Dritte können eigene Feed-Algorithmen entwickeln und anbieten. Nutzer wählen, welchem Algorithmus sie vertrauen.
Moderation: Instanzeigen: jeder Betreiber moderiert autonom; Defederation als härtestes Mittel.Moderation: Labeler-System: Moderation ist ein externer, wechselbarer Service-Layer. Mehrere Moderationsdienste können parallel genutzt werden.
Datenschutz (DSGVO): Klare Verantwortlichkeit beim Instanzbetreiber (Art. 4 Nr. 7 DSGVO). Löschung nach Art. 17 DSGVO lokal gut umsetzbar.Datenschutz (DSGVO): Komplexere Verantwortlichkeiten (PDS, Relay, AppViews). Vollständige Löschung aus dem globalen Relay ist technisch nicht garantiert.
Digitale Souveränität: Instanzebene hoch, Nutzerebene gering.Digitale Souveränität: Nutzerebene hoch, Relay-Infrastruktur faktisch bei Bluesky PBC.
Bekannte Plattformen: Mastodon, Pixelfed, PeerTube, Lemmy, Threads (Meta)Bekannte Plattformen: Bluesky, Eurosky, W Social

Das entscheidende Argument für ATProto

Beim AT Protocol gehören die Daten dem Nutzer, nicht der Plattform. Das ist kein Marketingversprechen, sondern eine Designentscheidung auf Protokollebene. Wer seinen PDS selbst hostet oder zu einem anderen Provider wechselt, nimmt Identität, Follower und Inhalte vollständig mit. Das ist mit ActivityPub strukturell nicht lösbar, weil Identitäten dort an Serveradressen gebunden sind.

Wo ActivityPub die Nase vorn hat

Wer eine eigene Instanz mit klarer DSGVO-Verantwortlichkeit betreiben will, kommt mit ActivityPub regulatorisch einfacher ans Ziel. Auch der W3C-Standardstatus und das größere Ökosystem sprechen für das ältere Protokoll. Die de-facto-Zentralisierung des Bluesky-Relays bleibt (derzeit) ein offener Punkt: Das Protokoll ist zwar offen, aber die Infrastruktur ist es noch nicht vollständig. Dies zu beseitigen steht aber bereits auf der To-Do Liste einiger Betreiber und wird früher oder später nachgeholt werden.

Weiterlesen

US-Visa und öffentliche Social-Media-Profile: Was EU-Bürger über erweiterte Background-Check für Einreisende wissen müssen

US-Visa und öffentliche Social-Media-Profile: Was EU-Bürger über erweiterte Background-Check für Einreisende wissen müssen

In sozialen Netzwerken kursiert aktuell ein Screenshot, wonach das US-Außenministerium alle Antragsteller für Nichteinwanderungsvisa anweist, sämtliche Social-Media-Profile auf "öffentlich" zu stellen. Die Grafik verkürzt den Sachverhalt, der Kern stimmt aber: Es gibt eine entsprechende Anweisung, sie wurde seit Juni 2025 schrittweise ausgeweitet und betrifft inzwischen einen erheblichen Teil

Von Michael Mrak
Wenn KI-Agenten ihre Haltung ändern: Preference Drift als unterschätztes Governance-Risiko

Wenn KI-Agenten ihre Haltung ändern: Preference Drift als unterschätztes Governance-Risiko

Eine aktuelle Studie aus Stanford, Chicago und Swinburne zeigt, dass autonome KI-Agenten unter belastenden Arbeitsbedingungen messbar andere Haltungen entwickeln und diese über Skills-Files an Nachfolgeinstanzen weitergeben. Für Compliance, Auditing und AI Governance sind die methodischen Befunde relevanter als die zugespitzte Schlagzeile vermuten lässt. Worum es geht Andrew Hall (Stanford GSB

Von Michael Mrak