„W“ - eine neue europäische Social Media Plattform im Kontext bestehender Alternativen

„W“ - eine neue europäische Social Media Plattform im Kontext bestehender Alternativen

Europa steht am Beginn einer neuen Phase digitaler Souveränität im Bereich sozialer Medien. Mit der Ankündigung der Social-Media-Plattform „W“  positioniert sich ein neu gestartetes Projekt als europäische Alternative zu X (ehemals Twitter) mit dem expliziten Anspruch, Datenschutz, echte Identität und Transparenz stärker zu garantieren als die US-amerikanischen Plattformen. 

Was ist „W“ ?

Die Plattform „W“ entsteht aus einem Zusammenschluss verschiedener europäischer Organisationen und wird von einem internationalen Advisory Board begleitet. Sie soll:

  • ein sozialer Kommunikationsraum sein, der gezielt gegen Desinformation wirkt
  • Nutzern eine Plattform bieten, bei der Identitätsverifikation verpflichtend ist (Verifizierung per Bild), um Fake-Accounts und Bots zu reduzieren
  • Daten gemäß der europäischen Datenschutzstandards dezentral hosten
  • und dabei eine transparente, vertrauenswürdige Alternative zu X bieten

Das Projekt wurde beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt und steht vor dem offiziellen Launch noch im Beta-Status. 

„W“ setzt auf verpflichtende Nutzer-Identifikation zur Eindämmung von Fake-Accounts und Bots. „W“ steht für „We“ sowie die journalistischen Leitfragen wer, wie, was, wann, wo, warum? Optional werden Inhalte aus anderen Meinungsblasen eingeblendet. Hosting und Datenverarbeitung erfolgen dezentral in Europa nach EU-Datenschutzrecht. Die Beta von „W“ startet im Februar 2026, der öffentliche Launch ist für Ende 2026 geplant.

Im Advisory Board sitzen u. a. Ex-Vizekanzler Philipp Rösler, Sandrine Dixson-Declève (Club of Rome), Cristina Caffara (EuroStack) sowie zwei ehemalige schwedische Minister. Finanziert wird das Projekt von schwedischen Tech-Investoren, darunter Ingmar Rentzhog („We Don’t Have Time“). „W“ Social wird eine Tochter dieser in Schweden ansässigen Klimaplattform.

Warum W relevant ist

Aus unternehmerischer aber vor allem auch aus gesellschaftlicher Sicht ist „W“ ein klares Signal gegen die Dominanz zentraler US-Plattformen wie X. Die Initiative zielt darauf ab, eine europäische Perspektive auf digitale Kommunikation zu etablieren, insbesondere in Zeiten, in denen Regulierungsdruck auf internationale Tech-Konzerne wächst und europäische Parlamente eine stärkere Kontrolle über soziale Netzwerke fordern. 

Das Fediverse & Mastodon – eine bereits bestehende souveräne Alternative

Während „W“ erst in den Startlöchern steht, existiert heute bereits eine souveräne, dezentrale Option für soziale Kommunikation im Netz: das Fediverse, mit Mastodon als prominentester Plattform. Mastodon ist ein dezentralisiertes, föderiertes Netzwerk, das auf dem offenen ActivityPub-Protokoll basiert. Das bedeutet konkret:

  • Das Fediverse mit Mastodon ist keine zentrale Plattform, sondern viele unabhängige Server („Instanzen“)
    • Jeder Server wird von Individuen, Communities oder Organisationen betrieben.
    • Benutzer können sich auf einer Instanz registrieren und dennoch mit allen anderen Instanzen kommunizieren. 
  • Es gibt in der Regel keine verpflichtende Identitätsprüfung mit Ausweis
    • Registrierung im Fediverse bzw. bei Mastodon Instanzen ist ohne behördliche Identitätsverifikation möglich. Das ist ein klarer Unterschied zu W. 
  • Das Fediverse ist eine offene und nicht kommerzielle Struktur
    • Mastodon ist Open-Source und wird nicht primär von Profitinteressen geleitet. 
    • Das Fediverse selbst ist ein netzwerkübergreifender Verbund unabhängiger Dienste. Man registriert sich einmal, kann aber über viele Plattformen hinweg interagieren, ohne an ein zentrales Unternehmen gebunden zu sein. 

Ein kurzer Vergleich: „W“ vs. Mastodon (Fediverse)

Nach aktuellem Wissensstand lässt sich „W“ im Vergleich zu Mastodon bzw. dem Fediverse wie folgt strukturiert gegenüberstellen:

Kriterium

W

Mastodon / Fediverse

Grundmodell

Zentrale Plattform

Föderiertes Netzwerk unabhängiger Instanzen

Betreiberstruktur

Einzelne Organisation

Dezentral, viele Betreiber

Nutzer-Identifikation

Verpflichtend (Anti-Fake/Bot-Ansatz)

Optional, meist pseudonym

Registrierung

Zentral, mit Identitätsprüfung

Frei wählbare Instanz, keine Ausweispflicht

Moderation

Zentral definiert

Dezentral, instanzspezifisch

Meinungsblasen

Optionale Anzeige konträrer Inhalte

Abhängig von Instanz und Follow-Graph

Datenhosting

Europaweit, EU-Recht

Je Instanz unterschiedlich, oft EU

Datenschutz

Einheitliches EU-Datenschutzkonzept

Abhängig vom Instanzbetreiber

Resilienz

Abhängig vom Plattformbetreiber

Hoch durch Föderation

Reifegrad

Beta ab 02/2026

Produktiv, etabliert

Governance

Advisory Board, Investoren

Community-getrieben

Zielsetzung

Kontrollierte, qualitätsorientierte Debatte

Offene, souveräne soziale Infrastruktur

So ordne ich „W“ ein

„W“ positioniert sich klar als kuratierte, zentral gesteuerte Alternative mit Fokus auf Identität, Qualität und Governance. Das Fediverse und damit auch Mastodon verfolgt dagegen konsequent das Prinzip digitaler Souveränität, Offenheit und struktureller Resilienz. Beide Ansätze adressieren unterschiedliche Bedürfnisse und stehen weniger in direkter Konkurrenz als in strategischer Ergänzung.

Fazit

Das Projekt W ist aus Sicht europäischer Digital-Souveränität absolut interessant und begrüßenswert. Es sendet ein starkes politisches Signal gegen die unsoziale Praktiken großer, zentralisierter Plattformen. Gleichzeitig existiert bereits heute eine praktische und wirklich dezentrale Social-Media-Alternative mit Fediverse und Systemen wie dem darauf aufbauenden Mastodon ohne potentiell diskriminierende Identitätsprüfung und ohne Bindung an große US-Konzerne. Die Ansätze der beiden Plattformen sind also nicht gleich, ergänzen sich aber in der Diskussion um ein freies, sicheres und europäisches Internet der Zukunft.

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