Über Digitale Souveränität (4)

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Über Digitale Souveränität (4)
Vierter Brief von Andreas an Michael

Lieber Michael,

Du hast recht gesehen, Michael, und dennoch, wie es den Klügsten ergeht, hast du nur die halbe Wahrheit berührt. Lass mich die Kreisbewegung vollenden, die du begonnen hast.

Du nennst es digitale Souveränität. Ich nenne es beim rechten Namen: digitale Abhängigkeit. Denn was ist Souveränität, die man nicht ausübt? Ein leerer Titel, ein Ring ohne Siegel. Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Ketten, sie ist die Fähigkeit, zwischen Wegen zu wählen. Wer aber nur einen Weg vor sich sieht, ist kein freier Mann, er ist ein Geleiteter, der glaubt, er marschiere.

Du sprichst von unseren Freunden jenseits des Ozeans, die vom Pfad der Partnerschaft abgekommen sind. Ich will sie nicht anklagen. Es genügt, die Tatsache zu benennen. Doch sage mir: Ist das, was China oder andere treiben, so verschieden? Die einen nehmen mit der groben Hand, die anderen mit der feinen. Das Ergebnis, lieber Michael, ist dasselbe: Du bist abhängig.

Hier aber triffst du ins Schwarze, und ich beuge mich deinem Einwand:

Souveränität entsteht durch Handlung, nicht durch Beschluss.

Sun Tzu, dieser nüchternste aller Kriegsdenker, mahnt, dass der, der den richtigen Moment erkennt, nicht auf Verstärkung wartet, nicht auf günstige Vorräte, sondern handelt. Übertragen auf unsere Lage: Es nützt nichts, europäische Unabhängigkeit in Papieren zu beschwören und in der Wirklichkeit den nächsten amerikanischen oder chinesischen Dienst zu abonnieren.

Und damit kommen wir zum härtesten Satz, den ich dir sagen muss und der zugleich der ehrlichste ist: Es gibt kein kostenloses Mittagessen. Nie war das wahrer als heute. Freiheit wird nicht geschenkt. Sie wird erarbeitet, erkauft, erlitten.

Das bedeutet: Wir müssen investieren. In das Wissen der Menschen, in Forschung, in unternehmerischen Mut, aber ebenso in das Ehrenamtliche, das Freiwillige, das Gemeinsame.

Der Politiker allein kann es nicht. Das Unternehmen allein kann es nicht. Es liegt an jedem von uns.

Nun aber zum schönsten Paradox, das du aufgeworfen hast, vielleicht ohne es selbst ganz zu sehen: der Open-Source-Gedanke. Du fürchtest den Nationalismus und mit Recht. Doch hier liegt, wenn man ihn zu Ende denkt, seine eigene Auflösung. Open Source kennt keine Grenzen. Die beste Lösung gewinnt nicht, weil sie aus diesem oder jenem Land kommt, sondern weil sie die beste ist. Alle konsumieren, alle tragen bei, alle ziehen Nutzen. Was entsteht, ist keine Nation, es ist eine Gemeinschaft.

Und Gemeinschaft, lieber Michael, ist überraschenderweise am Ende das Gegenteil von Abhängigkeit.

So schließt sich der Kreis: Wir begannen mit Abhängigkeit und enden mit Gemeinschaft. Das ist kein kleiner Weg.

Lebe wohl und handle.

Andreas


Dieser Text ist ein Experiment: ein öffentlicher Briefwechsel zwischen Andreas Bruckmüller und mir, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität weit über den digitalen Kontext hinaus im Dialog weiterentwickelt werden.

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