Über Gemeinschaft und Spaltung (5. Brief)
Fünfter Brief von Michael an Andreas
Lieber Andreas,
Dein letzter Brief endete mit Gemeinschaft. Lass mich dort beginnen, wo Du aufgehört hast, und den Gedanken weiterdrehen, bis er schmerzt.
Du hast die Kreisbewegung von der Abhängigkeit zur Gemeinschaft geschlossen. Schön. Aber ich fürchte, Du hast dabei eine Kraft übersehen, die diesen Kreis zu sprengen droht, bevor er sich überhaupt schließen kann: die Spaltung. Nicht als Naturereignis, nicht als Kollateralschaden einer komplexen Welt, sondern als Methode. Als bewusst eingesetztes Werkzeug derer, die vom Zerfall profitieren.
Lass mich deutlich werden.
Niemand hat etwas von einer gespaltenen Gesellschaft. Niemand außer denen, die die Spaltung betreiben.
Das ist kein moderner Gedanke. Plutarch beschreibt, wie die Demagogen Athens die Volksversammlung nicht durch Argumente gewannen, sondern durch das gezielte Aufhetzen einer Gruppe gegen die andere. Nicht die Sache zählte, sondern der Riss. Wer den Riss kontrollierte, kontrollierte die Macht. Die Athener Bürger, die einander befehdeten, gewannen dabei nichts. Sie verloren ihre Handlungsfähigkeit und am Ende ihre Demokratie.
Dasselbe Muster, Andreas, zieht sich durch die Jahrhunderte wie ein roter Faden. Die spätrömischen Kaiser spielten Senat gegen Militär, Christen gegen Heiden, Provinzen gegen Rom, nicht um das Reich zu stärken, sondern um ihre eigene Position zu sichern. Die Feudalherren des Mittelalters hielten ihre Leibeigenen in Unwissenheit und gegenseitigem Misstrauen, weil eine geeinte Bauernschaft das Ende ihrer Herrschaft bedeutet hätte. Als die Bauern sich dann doch erhoben, im Deutschen Bauernkrieg 1525, da waren es die Fürsten, die sich blitzschnell einigten, um die Erhebung niederzuschlagen. Die Mächtigen fanden ihre Gemeinschaft. Die Ohnmächtigen nicht.
Und heute? Heute ist das Prinzip dasselbe, nur die Werkzeuge sind raffinierter.
Wer spaltet, tut dies ausschließlich zu seinem eigenen Vorteil. Niemals zum Vorteil seiner Anhänger.
Das ist die bitterste Wahrheit, die auszusprechen ist. Der Populist, der gegen Eliten wettert, baut sich selbst eine neue Elite. Der Nationalist, der Einheit beschwört, meint die Einheit der Gefolgschaft, nicht die Einheit der Gesellschaft.
Der Tech-Mogul, der Disruption predigt, zerstört Strukturen, die andere brauchen, und baut neue, die nur ihm dienen. In jedem Fall bleiben die Anhänger mit leeren Händen zurück, während der Spalter seinen Einfluss mehrt.
Hier, lieber Andreas, muss ich einen Bogen schlagen, der uns beide betrifft: die künstliche Intelligenz. Wir haben in unseren Briefen viel über digitale Souveränität gesprochen. Aber KI ist nicht einfach eine weitere Technologie. Sie ist ein Verstärker. Und wie jeder Verstärker ist sie indifferent gegenüber dem, was sie verstärkt.
In der Hand derer, die Gemeinschaft wollen, die uns als Gesamtheit weiterbringen wollen, kann KI Brücken bauen, die vorher undenkbar waren: Sprachbarrieren überwinden, Wissen demokratisieren, komplexe Probleme kollaborativ lösen, Verwaltung vereinfachen, Teilhabe ermöglichen. In der Hand derer, die spalten wollen, wird sie zur effizientesten Manipulationsmaschine, die je gebaut wurde: Deepfakes, die Vertrauen zerstören. Algorithmen, die Menschen in immer engere Echokammern treiben. Desinformationskampagnen, die sich in Echtzeit an ihr Zielpublikum anpassen. Synthetische Empörungswellen, die keinen Ursprung mehr haben, aber reale Wirkung entfalten.
Das Potenzial von KI ist in beide Richtungen enorm. Es liegt an uns, welche Richtung wir wählen. Und diese Wahl ist eine gemeinschaftliche Entscheidung, keine individuelle.
Aber wie soll Gemeinschaft entstehen, wenn der Diskurs selbst vergiftet ist? Hier liegt der Kern dessen, was ich Dir heute sagen will.
Was mehr denn je fehlt, ist nicht Technologie, nicht Regulierung, nicht einmal Geld. Was fehlt, ist der Diskurs zwischen allen diskurswilligen Parteien. Ein ehrliches Gespräch zwischen Menschen, die bereit sind, einander zuzuhören, auch wenn es unbequem wird. Nicht die Simulation eines Gesprächs in Talkshows, wo Positionen wie Kampfhunde aufeinander losgelassen werden. Nicht der algorithmisch kuratierte Schlagabtausch in sozialen Medien. Sondern ein Gespräch, das seinen Namen verdient.
Die athenische agora war kein harmonischer Ort. Es wurde gestritten, geschrien, intrigiert. Aber man sprach miteinander. Man stand sich gegenüber. Man konnte dem anderen in die Augen sehen. Die mittelalterlichen Gelehrten, Thomas von Aquin an der Spitze, entwickelten die Disputatio zur Kunstform: These, Gegenthese, Erwiderung, Synthese. Man konnte fundamental anderer Meinung sein und dennoch im selben Raum denken.
Die Aufklärung lebte vom Briefwechsel, vom Salon, von der Bereitschaft, sich dem besseren Argument zu beugen.
Was wir heute erleben, ist das Gegenteil. Wir haben mehr Kommunikationskanäle und weniger echten Diskurs als je zuvor. Wir senden, aber wir empfangen nicht. Wir reagieren, aber wir antworten nicht.
Und genau hier liegt die Chance, den Rattenfängern etwas entgegenzusetzen. Nicht durch Gegenpropaganda. Nicht durch lauteres Schreien. Sondern durch das schlichte, unspektakuläre, mühsame Wiederherstellen von Gesprächsräumen.
Nur der Diskurs zwischen allen diskurswilligen Parteien kann den Rattenfängern den Boden entziehen. Denn Spaltung lebt von Sprachlosigkeit. Wo gesprochen wird, ehrlich und auf Augenhöhe, verliert die Lüge ihre Kraft.
Gemeinschaftliches Handeln beginnt nicht mit großen Gesten. Es beginnt mit der Bereitschaft, dem Andersdenkenden zuzuhören, ohne ihn sofort in eine Schublade zu stecken. Es beginnt mit der Erkenntnis, dass das Gemeinwohl keine Worthülse ist, sondern die einzige Grundlage, auf der eine Gesellschaft dauerhaft bestehen kann.
Die Geschichte lehrt uns: Gesellschaften, die das Gemeinwohl über Partikularinteressen stellten, das Athen des Perikles, die Schweizer Eidgenossenschaft, die europäische Nachkriegsordnung, sie blühten. Gesellschaften, die sich spalten ließen wie die Weimarer Republik, Jugoslawien, die USA (?) sie zerbrachen bzw. zerbrechen. Und wir Menschen haben die Wahl, Andreas. Und diese Wahl duldet keinen Aufschub.
Denn die Technologien, die uns zur Verfügung stehen, beschleunigen alles: das Gute wie das Schlechte, die Gemeinschaft wie die Spaltung. Wer jetzt nicht den Diskurs sucht, wird morgen feststellen, dass die Gräben zu tief geworden sind, um sie noch zu überbrücken.
Ich schließe mit einem Gedanken, den Du, glaube ich, teilen wirst: Das Gegenteil von Spaltung ist nicht Einigkeit. Es ist Zusammenarbeit trotz Verschiedenheit. Und genau das, nichts weniger, müssen wir einüben.
Bleib gesprächsbereit.
Michael
Dieser Text ist Teil eines öffentlichen Briefwechsels zwischen Andreas Bruckmüller und Michael Mrak, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität weit über den digitalen Kontext hinaus im Dialog weiterentwickelt werden.