Warum "Europa" bei Kriminalstatistik die falsche Analyseeinheit ist
Der Economist hat kürzlich Grafiken veröffentlicht, die auf einer Studie des UCL Centre for Global City Policing beruhen. Verglichen werden registrierte Straftaten pro 100.000 Einwohner in europäischen und US-amerikanischen Großstädten über den Zeitraum 2012 bis 2024. Das naheliegende Fazit wäre eine Erzählung über sichere europäische und unsichere amerikanische Städte. Die Daten geben das so nicht her. Sie zeigen etwas Interessanteres.
Tödliche Gewalt: die einzige klare Trennlinie
Bei Tötungsdelikten ist der Befund eindeutig und über zwölf Jahre stabil. Chicago bewegt sich zwischen 15 und 30 Fällen pro 100.000 Einwohner, mit einem Höchststand 2021. Los Angeles liegt zwischen 6 und 10, New York zwischen 3,5 und 5,5. Sämtliche europäischen Vergleichsstädte bleiben unter 3,5, London konstant bei etwa 1.

Der Abstand zwischen Chicago und London beträgt damit rund Faktor 20. Er ist die belastbarste Aussage des gesamten Datensatzes, weil Tötungsdelikte praktisch kein Dunkelfeld haben und international weitgehend einheitlich erfasst werden. Wer eine einzelne Kennzahl für den transatlantischen Vergleich sucht, findet sie hier und nirgends sonst.
Bei Eigentumsdelikten kehrt sich das Bild um
Beim Wohnungseinbruch liegt Berlin an der Spitze aller untersuchten Städte. Nach einem Tief 2022 steigt die Kurve wieder auf rund 950 Fälle pro 100.000 Einwohner. Chicago liegt bei etwa 150, New York unter 100. Die US-Städte haben über den Beobachtungszeitraum einen erheblichen Rückgang verzeichnet, Berlin einen ebenso deutlichen Wiederanstieg.

Beim Straßenraub liegen Paris und London historisch wie aktuell über New York und Los Angeles. Paris kommt von über 500 Fällen pro 100.000 im Jahr 2013 und hat sich seither mehr als halbiert. London zeigt beim Raub auf Geschäftslokale ab 2022 einen steilen Anstieg auf über 70 Fälle und überholt damit sowohl Los Angeles als auch Chicago.

Die Spitze beim Kfz-Diebstahl in Chicago 2023 mit über 1.100 Fällen ist kein Kriminalitätstrend, sondern die Folge eines Produktfehlers. Bestimmte Kia- und Hyundai-Modelle waren ohne Wegfahrsperre ausgeliefert worden, die Anleitung zum Diebstahl verbreitete sich über soziale Netzwerke. Ein Jahr später ist die Kurve wieder eingebrochen.
Was die Zahlen nicht hergeben
Die Grafiken zeigen registrierte Straftaten, also das Produkt aus Anzeigeverhalten und Erfassungssystematik. Bei Einbruch hängt die Anzeigequote stark von Versicherungsobliegenheiten ab, bei Raub vom Vertrauen in die Polizei. Die österreichische und deutsche Kriminalstatistik, das US-amerikanische NIBRS und die französische Erfassung folgen unterschiedlichen Zähl- und Definitionsregeln. Die UCL-Studie normiert das so weit wie möglich, eine Restunschärfe bleibt.
Schwerer wiegt die Gebietsabgrenzung. US-Kernstädte sind administrativ eng geschnitten, wohlhabende Vororte bilden eigene Jurisdiktionen mit eigener Statistik. Berlin als Stadtstaat oder West Midlands als Polizeiverbund enthalten ihr Umland dagegen mit. Das verzerrt systematisch zulasten der US-Städte. An der Größenordnung bei Tötungsdelikten ändert es nichts, an den Eigentumsdelikten sehr wohl.
Die eigentliche Erkenntnis
Berlin führt beim Einbruch, London beim Geschäftsraub, Paris beim Straßenraub. Drei europäische Metropolen, drei völlig unterschiedliche Risikoprofile. Ein aggregierter Europawert hätte keine dieser Auffälligkeiten sichtbar gemacht. Er hätte sie weggemittelt und damit genau die Information zerstört, die für eine Risikobewertung relevant wäre.
Das ist ein Muster, das über die Kriminalstatistik hinausweist. Wer Kennzahlen auf einer Ebene aggregiert, auf der die zugrunde liegenden Mechanismen gar nicht wirken, erzeugt Zahlen, die formal korrekt und praktisch wertlos sind. In der Informationssicherheit begegnet einem dasselbe Problem, etwa wenn Vorfallszahlen über heterogene Standorte, Geschäftsbereiche oder Systemlandschaften hinweg zusammengefasst werden. Die Kennzahl sieht sauber aus. Sie sagt nur nichts mehr darüber, wo das Risiko tatsächlich sitzt.
Die Frage nach der richtigen Aggregationsebene ist keine statistische Feinheit. Sie entscheidet darüber, ob eine Kennzahl steuerungsrelevant ist oder nur ein Berichtsfeld füllt.
Quelle der Daten: Matt Ashby et al., "Benchmarking crime in London against other global cities", UCL Centre for Global City Policing, Juli 2025. Aufbereitung der Grafiken: The Economist.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde unter Einsatz von Claude Opus 5.0 textlich überarbeitet.