Über Digitale Souveränität (3)
Dritter Brief von Michael an Andreas
Mein lieber Andreas,
Die Worte Deines Briefs treffen einen wunden Punkt. Nicht, weil sie dramatisch wären, sondern gerade weil sie nüchtern sind. Und Nüchternheit ist in Zeiten kollektiver Bequemlichkeit eine Provokation.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass kritische Infrastruktur, digitale Werkzeuge und ganze Wertschöpfungsketten „einfach funktionieren“. Doch was wir Funktionalität nennen, ist längst Verwundbarkeit geworden.
Unsere primäre Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten ist dabei kein theoretisches Konstrukt. Sie ist konkret, alltäglich und strukturell:
- Wir lagern unsere Daten in Plattformen aus, die fremdem Recht unterliegen.
- Wir bauen Geschäftsmodelle auf Clouds auf, deren Vertragsbedingungen einseitig geändert werden können.
- Wir integrieren KI-Modelle, APIs und Sicherheitsdienste, deren Roadmaps wir nicht mitbestimmen.
- Wir akzeptieren Exportkontrollen, Sanktionsregime und extraterritoriale Gesetze als Randnotiz. Obwohl sie im Ernstfall über unsere Handlungsfähigkeit entscheiden.
Das sind keine abstrakten Risiken, vielmehr ist das die reale Situation.
Ein politischer Kurswechsel in Washington, ein neues Sanktionspaket, ein geopolitischer Konflikt mit China. Und schon könnten europäische Unternehmen ohne Werkzeuge dastehen, Verwaltungen ohne Systeme, kritische Prozesse ohne Support.
Ganz pragmatisch betrachtet: Die USA handeln seit jeher strategisch. Das ist legitim. Gefährlich ist nur, dass wir das nicht tun.
Wer sich auf fremde Resilienz verlässt, verzichtet auf die eigene.
Besonders schwer wiegt dabei die rechtliche Situation für uns hier in Europa: CLOUD Act, FISA, nationale Sicherheitsinteressen. Das alles bedeutet, dass europäische Daten, Prozesse und Geschäftsgeheimnisse letztlich unter Vorbehalt stehen. Wir mögen Server in Wien, Frankfurt oder anderen Städten in Europa betreiben. Die Entscheidungsmacht sitzt trotzdem außerhalb Europas.
Nicht der Speicherort entscheidet über Souveränität. Sondern die Gerichtsbarkeit. Die Eigentumsverhältnisse. Die strategische Kontrolle über Schlüsseltechnologien.
Europa hat sich in eine paradoxe Lage manövriert: wirtschaftlich zwar stark, technologisch jedoch abhängig. Und wir sind auch noch politisch fragmentiert.
Die zunehmende Kleinstaatlerei in Europa verschärft dieses Dilemma. Jeder optimiert für sich. Jeder will einzeln verhandeln. Jeder baut seine eigene kleine Lösung. So entstehen keine globalen Gegenpole, damit entsteht eine zersplitterte Region, die den beiden großen Machtblöcken wenig entgegensetzen kann.
Souveränität ist keine Summe nationaler Insellösungen. Sie ist ein kollektives Projekt.
Wenn wir als Europa nicht gemeinsam in eigene Cloud-Stacks, eigene KI-Modelle, eigene Sicherheitsarchitekturen und eigene Open-Source-Ökosysteme investieren, werden wir dauerhaft Konsumenten fremder Entscheidungen bleiben. Dann regulieren wir, was wir nicht mehr gestalten können und schreiben Richtlinien für Technologien, die wir nicht beherrschen.
Will Europa nur seinen Niedergang verwalten?
Du erwähnst Open Source als Lichtblick. Ich stimme Dir zu. Aber auch hier gilt: Offenheit ohne eigene Kompetenz ist Illusion. Wer offenen Code nur konsumiert, aber nicht pflegt, finanziert, auditiert und strategisch einbettet und weiterentwickelt, tauscht proprietäre Abhängigkeit gegen informelle.
Europa braucht also nicht nur offene Software. Europa braucht eigene Maintainer, eigene Roadmaps, eigene Betriebsmodelle. Vor allem benötigt Europa aber den politischen Willen, diese Dinge als strategische Infrastruktur zu begreifen, nicht als Hobby von Idealisten.
Und genau deshalb dürfen wir uns nicht weiter in nationale Eitelkeiten flüchten. In diesem Spiel überlebt kein Kleinstaat. Nur Verbünde haben Gewicht. Nur gemeinsame Standards schaffen Marktmacht. Nur koordinierte Investitionen erzeugen Resilienz.
Die Stoiker wussten: Man muss die Dinge nicht alle kontrollieren können, aber man muss wissen, welche man nicht kontrolliert.
Souverän ist nicht, wer alles beherrscht, sondern wer dort standhaft bleibt, wo Kontrolle endet.
Das sollten wir inzwischen wissen. Die Frage ist nur, ob wir und unsere politischen Entscheidungsträger den Mut haben, jetzt endlich daraus Konsequenzen zu ziehen.
Denn Freiheit, lieber Andreas, besteht nicht darin, zwischen Anbietern zu wählen.
Sie besteht darin, überhaupt noch wählen zu können.
In diesem Sinne ist unser Dialog nicht nur intellektuelles Spiel. Er soll ein kleiner Beitrag zur Wiedererlangung europäischer Urteilskraft sein.
Und vielleicht, wenn wir beharrlich bleiben, auch ein Anfang. Lass uns daher nicht beim Erkennen der Lage verharren, sondern gemeinsam beraten, welche konkreten Taten wir in Europa setzen müssen. Denn Einsicht ohne Handlung bleibt Selbstgespräch. Erst das Tun verleiht der Erkenntnis Gewicht.
In Verbundenheit
Dein Freund Michael
Link zum 4. Brief von Andreas sobald verfügbar