Maximale Anonymität durch dezentrales Messaging

Maximale Anonymität durch dezentrales Messaging

Dezentrale Messaging-Apps, die vollständig ohne zentrale Infrastruktur auskommen, sind keine Spielerei für Technikenthusiasten. Sie sind ein realitätsnaher Belastungstest für das heutige Internet und ein strategischer Baustein für Kommunikation unter widrigen Bedingungen.

Der Kern des Problems ist bekannt: In vielen Ländern fungieren zentralisierte Kommunikationsplattformen als effektiver Kontrollhebel. Internetprovider lassen sich abschalten, Mobilfunknetze drosseln, Plattformen überwachen oder gezielt sperren. Dieses Muster ist erprobt, wiederholt und wirksam.

Genau hier setzt Offline-fähige, Peer-to-Peer-Kommunikation an.

Anonymität nicht als Feature, sondern als Prinzip

Über Meshtastic habe ich an dieser Stelle schon berichtet. Bluetooth-basierte Mesh-Messenger wie Bitchat funktionieren ähnlich.

Bitchat ist eine Peer-to-Peer-verschlüsselte Messaging-App, entwickelt von Jack Dorsey, Mitgründer von Twitter (heute X) und Block, Inc.. Die im Juli 2025 angekündigte Open Source Anwendung ermöglicht es Nutzerinnen und Nutzern, Nachrichten über Bluetooth-Low-Energy-(BLE-)Mesh-Netzwerke zu versenden. Ganz ohne Internetverbindung, Mobilfunkdienst, Benutzerkonten oder zentrale Server.

Es ermöglicht also direkte Kommunikation von Gerät zu Gerät direkt über Bluetooth. Ohne Internet. Ohne Server. Ohne Benutzerkonten. Ohne Telefonnummern. Ohne zentrale Metadatenhaltung. Jedes Endgerät wird selbst zum Netzwerkknoten.

Das Entscheidende dabei ist Anonymität durch Architektur:

  • Keine zentrale Instanz, die Identitäten verknüpft
  • Keine dauerhaft gespeicherten Verbindungsdaten
  • Kein Account, der zurückverfolgt oder abgeschaltet werden kann
  • Kein einzelner Angriffspunkt für Überwachung oder Zensur

Anonymität entsteht hier nicht durch Verschleierung, sondern durch konsequenten Verzicht auf identifizierende Strukturen.

Realistische Einordnung von Mesh-Messengern

Technologien wie BitChat sind kein Allheilmittel. Eine nüchterne Bewertung ist essenziell:

  • Ihre Reichweite ist physikalisch begrenzt
  • Mesh-Netze funktionieren am besten in räumlicher Nähe, etwa bei Veranstaltungen oder in urbanen Räumen
  • Sie ersetzen kein globales Internet
  • „Schwerer abzuschalten“ bedeutet nicht automatisch „unangreifbar“

Es geht nicht um absolute Sicherheit, sondern um Schadensbegrenzung und Ausfallsicherheit.

Relevanz in einer instabilen Welt

Zentralisierte Plattformen sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch mächtig. Das betrifft primär autoritäre Staaten, aber auch demokratische Systeme, in denen Regulierung, Netzsperren oder „temporäre Maßnahmen“ zunehmend salonfähig werden.

Das Internet, mit dem viele von uns sozialisiert wurden, ging von Stabilität aus. Das Internet, das wir heute denken müssen, muss von Störungen, Abschaltungen und Missbrauchspotenzial ausgehen.

Offline-first-Kommunikation mit maximaler Anonymität ist daher kein radikaler Gegenentwurf. Mesh-Messenger sind eine resiliente Ergänzung.

Das ist keine abstrakte Zukunftsvision und auch kein theoretisches Szenario. Es ist eine nüchterne, vorausschauende Vorsorgemaßnahme für eine Welt, in der Instabilität, gezielte Abschaltungen, regulatorische Eingriffe und der Ausfall zentraler Infrastrukturen längst Teil der Realität sind.

Mein Fazit

Dezentrale, anonyme Mesh-Messenger sind kein Angriff auf bestehende Systeme. Sie sind ein Sicherheitsnetz für den Moment, in dem Systeme versagen oder gezielt außer Kraft gesetzt werden.

  • Nicht ideologisch.
  • Nicht dystopisch.
  • Sondern pragmatisch.

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