KI-Skeptiker vereint euch? Die ungewöhnliche Allianz zwischen Silicon Valley und Populisten
An einem Februartag in Berkeley, Kalifornien, saß Senator Bernie Sanders mit den prominentesten KI-Untergangspropheten der Welt an einem Tisch. Eliezer Yudkowsky, Mitgründer des Machine Intelligence Research Institute, erklärte ihm, warum die Menschheit durch KI aussterben könnte. Sanders, bisher vor allem für seinen Kampf gegen Milliardäre bekannt, nahm die Warnung ernst.
Was sich hier abzeichnet, ist eine der überraschendsten politischen Allianzen der letzten Jahre: Auf der einen Seite stehen die sogenannten "AI Safety"-Vertreter aus dem Umfeld der Effective-Altruism-Bewegung, finanziert von Tech-Milliardären wie Dustin Moskovitz und unterstützt von Unternehmen wie Anthropic. Auf der anderen Seite populistische Politiker wie Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez, die sich um Arbeitsplatzverluste, den Einfluss von KI-Chatbots auf Kinder und den enormen Ressourcenverbrauch von Rechenzentren sorgen.
Gemeinsamer Gegner, unterschiedliche Motive
Die beiden Lager eint vor allem ein gemeinsamer Gegner: ein Netzwerk von KI-Industrie-Super-PACs rund um OpenAI und die Trump-Administration, die eine weitgehend unregulierte KI-Entwicklung vorantreiben wollen. Das prominenteste Beispiel ist "Leading the Future", finanziert mit 125 Millionen Dollar von OpenAI-Präsident Greg Brockman und der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz.
Die Unterschiede innerhalb der Koalition sind aber beträchtlich. Sanders und Ocasio-Cortez haben einen Gesetzentwurf für ein Moratorium beim Bau neuer Rechenzentren eingebracht. Die Effective Altruists halten das überwiegend für einen Irrweg, weil ein Baustopp das sichere Entwickeln von KI erschweren würde. Umgekehrt misstrauen die Populisten den tiefen Verbindungen der KI-Sicherheitsbewegung zur Tech-Industrie.
Bruchlinien werden sichtbar
Die Spannungen zeigten sich bereits konkret: Bei einer Kongressvorwahl in North Carolina unterstützte ein EA-nahes PAC die moderate Demokratin Valerie Foushee, während Sanders die progressive Herausforderin Nida Allam unterstützte. Foushee gewann knapp, und die Progressiven waren entsprechend verärgert.
Brad Carson, Mitgründer des KI-sicherheitsnahen Super-PACs "Public First", verglich die Koalition mit der französischen Résistance: Katholiken und Kommunisten kämpften Seite an Seite, auch wenn sie über die Zukunft Frankreichs grundverschiedener Meinung waren.
Relevanz für Europa
Für den europäischen Raum ist diese Entwicklung aus mehreren Gründen interessant. Der AI Act der EU verfolgt einen regulatorischen Ansatz, der Elemente beider Seiten aufnimmt: Risikoklassifizierung (im Sinne der Safety-Bewegung) und Grundrechtsschutz (im Sinne der populistischen Bedenken). Dass selbst in den USA, dem bisherigen Zentrum des KI-Laissez-faire, eine breite Koalition für stärkere Regulierung entsteht, könnte den europäischen Kurs nachträglich legitimieren.
Die zentrale Frage bleibt, ob diese Allianz der KI-Skeptiker tragfähig genug ist, um der massiven Lobbymacht der Tech-Industrie standzuhalten, oder ob die internen Widersprüche sie früher oder später sprengen.
Quelle: "Think Everybody Dead: How the Threat of AI Is Fueling a New Political Alliance", Politico Magazine, 1. April 2026