KI-Regulierung ist kein „nice to have“

KI-Regulierung ist kein „nice to have“
Photo by Nahrizul Kadri / Unsplash

Persönlich ist mir die Tragweite dieses Vorfalls erst zeitverzögert bewusst geworden. Obwohl ich bereits vor rund zwei Wochen erstmals davon erfahren habe, hat sich mir der regulatorische Kontext und die strategische Dimension erst gestern im Rahmen einer Veranstaltung des AI-Circle wirklich erschlossen. In der dortigen Diskussion wurde mir wieder einmal erschreckend klar, wie eng solche Einzelfälle mit den grundsätzlichen Fragen von KI-Governance, Machtasymmetrien und fehlender internationaler Regulierung verknüpft sind. Es ist brandgefährlich, wenn genau jene Akteure, die Standards setzen sollten, selbst Teil des Problems sind.


Ein vom  White House Ende Jänner veröffentlichtes Foto sorgt aktuell international für Aufsehen. Es zeigt angeblich die Festnahme der Bürgerrechtlerin Nekima Levy Armstrong, weinend, sichtbar erschüttert. Das Bild wurde anschließend über den offiziellen Account des US-Präsidenten auf X verbreitet.

Das Foto rechts ist vom White House manipuliert (Foto ZDF)

Mitarbeiter des Weißen Hauses haben ein bestehendes Foto der Bürgerrechtlerin manipuliert und auf dem offiziellen Account von Donald Trump veröffentlicht. Und noch gravierender: Es ist bis heute dort online abrufbar.

Damit betreten wir eine neue Eskalationsstufe und Fake News erreichen eine neue Dimension. Nicht irgendein Troll oder anonymer Bot verbreitet hier Desinformation, sondern eine staatliche Stelle auf höchster Ebene.

Warum von den USA keine substanzielle KI-Regulierung zu erwarten ist

In den USA wird KI primär als geopolitisches Machtinstrument verstanden. Regulierung wird dort ausschließlich als Innovationsbremse gesehen. Transparenz, Rechenschaftspflicht und Schutz der Bürgerrechte spielen eine nachgeordnete Rolle.

Wenn selbst offizielle Kanäle manipulierte Inhalte verbreiten, wird klar:

Wer KI als politisches Werkzeug nutzt, wird sie nicht ernsthaft regulieren.

Einige Beispiele warum Regulierung absolut entscheidend ist

Die manipulierte Verhaftung ist nur ein Symptom. Die strukturellen Risiken sind deutlich größer:

Politische Meinungsmanipulation

Deepfakes von Politiker:innen, gefälschte Skandale, inszenierte Gewalt. KI ermöglicht hochskalierte Desinformation in Echtzeit. Ohne klare Regeln wird demokratische Willensbildung zur Farce.

Rufmord und Persönlichkeitsverletzungen

Ein einzelnes KI-Bild kann Existenzen zerstören. Betroffene haben heute kaum Chancen, sich effektiv zu wehren. Vor allem auch, wenn Social Media Plattformen und Staaten nicht kooperieren.

Automatisierte Diskriminierung

KI-Systeme entscheiden bereits heute über Kredite, Bewerbungen oder Versicherungen. Ohne Transparenzpflichten bleiben Bias und strukturelle Benachteiligung unsichtbar.

Sicherheitsrisiken

Von synthetischen Phishing-Angriffen bis zu KI-generierten Fake-Notrufen: Die Angriffsfläche explodiert im Moment. Unternehmen und Behörden laufen permanent hinterher.

Unregulierte KI ist ein systemisches Risiko. Und zwar gesellschaftlich, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.

Europa setzt bewusst einen Gegenpol

Hier positioniert sich Europa strategisch richtig. Mit dem AI Act schafft die EU erstmals einen verbindlichen, risikobasierten Ordnungsrahmen für künstliche Intelligenz. Er beinhaltet klare Verbote, abgestufte Pflichten, Transparenzanforderungen und Haftungskonzepte. Das ist kein regulatorischer Wildwuchs sondern gelebte Governance.

Regulierung ist kein Innovationshemmnis sondern Standortpolitik mit Verantwortung.

Digitale Souveränität: Das größere Bild

Der oben beschriebene Themenbereich ist auch untrennbar mit digitaler Souveränität verbunden.

Wer KI-Modelle, Plattformen und Infrastruktur vollständig außerhalb des eigenen Rechtsraums betreibt, verliert Steuerungsfähigkeit. Aktuell zeigt sich exemplarisch, was das bedeutet: keine Kontrolle über Narrative, keine Durchsetzung von Standards, keine effektiven Rechtsmittel.

Digitale Souveränität heißt letztendlich:

  • eigene regulatorische Kompetenz
  • eigene technische Ökosysteme
  • eigene Wertebasis

Der AI Act ist dafür ein zentraler Baustein.

Meine Meinung im Kontext

Das manipulierte Bild von Nekima Levy Armstrong ist kein Einzelfall. Es ist ein Vorgeschmack auf eine Realität, in der Wahrheit verhandelbar wird wenn wir nicht aktiv gegensteuern.

Von den USA ist in dieser Frage keine gestaltende Führungsrolle zu erwarten. Diese Verantwortung fällt Europa zu. Umso klarer wird für mich: Regulierung ist kein Selbstzweck. Sie ist eine zwingende Voraussetzung für Stabilität, Vertrauen und letztlich für das Fortbestehen unserer demokratischen Gesellschaften..

Sie ist die Voraussetzung für Vertrauen, Resilienz und eine funktionierende Demokratie im KI-Zeitalter. Genau deshalb ist dieses Thema kein Zukunftsthema mehr, sondern eine akute strategische Priorität.

Read more

Ernsthafter digitaler Sicherheitsvorfall an der TU Wien

Ernsthafter digitaler Sicherheitsvorfall an der TU Wien

An der TU Wien kam es Ende vergangener Woche zu einem schwerwiegenden IT-Sicherheitsvorfall. Unbekannte verschafften sich unbefugten Zugriff auf das Universitätsnetzwerk und kompromittierten mehrere Benutzerkonten. Die Tragweite des Vorfalls ist derzeit noch nicht abschließend abschätzbar. Die Universität hat den Vorfall laut Presseinformation bereits zu Wochenbeginn ordnungsgemäß der Datenschutzbehörde gemeldet und

By Michael Mrak