DNS und geopolitische Risiken: Eine sachliche Einordnung

DNS und geopolitische Risiken: Eine sachliche Einordnung
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Das Domain Name System (DNS) bildet eine der zentralen Infrastrukturschichten des Internets. Ohne DNS gäbe es keine nutzerfreundliche Adressierung von Diensten, keine stabile Erreichbarkeit von Websites und keine verlässliche technische Interoperabilität. Die Koordination dieses Systems liegt maßgeblich bei der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers). Genau diese Rolle macht ICANN aus geopolitischer Perspektive sensibel.

ICANN ist eine gemeinnützige Organisation nach US-amerikanischem Recht mit Sitz in Kalifornien. Ihr Auftrag ist klar umrissen: Sie sorgt dafür, dass das Internet weltweit eindeutig, stabil und interoperabel bleibt. Dabei agiert ICANN nicht als staatliche Behörde, nicht als Zensurinstanz und auch nicht als technischer Betreiber des Internets. Ihre Funktion ist die Koordination, nicht die Kontrolle.

Konkret verwaltet ICANN die oberste Ebene des DNS, die sogenannte Root-Zone. Änderungen an dieser Root-Zone – etwa die Delegation neuer Top-Level-Domains – wirken sich unmittelbar auf das gesamte Internet aus. Darüber hinaus führt ICANN die sogenannten IANA-Funktionen aus, also die zentrale Verwaltung von IP-Adressräumen, Root-Zonen-Einträgen und technischen Protokollparametern. Diese Aufgaben sind hochgradig technisch, aber zugleich systemkritisch.

Die Governance von ICANN folgt einem Multistakeholder-Modell. Staaten, Unternehmen, Zivilgesellschaft und die technische Community wirken gemeinsam an Entscheidungsprozessen mit. Dieses Modell gilt international als vergleichsweise offen, transparent und konsensorientiert. In der täglichen Praxis funktioniert es bemerkenswert stabil. Genau deshalb ist es wichtig, die Diskussion sachlich zu führen. 

Die US Organisation ICANN agiert heute professionell, neutral und vorhersehbar.

Das geopolitische Risiko entsteht nicht aus dem operativen Handeln, sondern aus der institutionellen Einbettung. ICANN ist in einem nationalen Rechtsraum verankert und unterliegt damit dem US-Recht, US-Gerichten und potenziell auch US-Sanktionsregimen. Auch wenn ICANN formal unabhängig ist, kann sie sich dieser rechtlichen Umgebung im Ernstfall nicht entziehen. Damit entsteht eine strukturelle Abhängigkeit, die aus Risiko- und Governance-Sicht relevant ist.

In geopolitischen Spannungs- oder Eskalationsszenarien ergibt sich daraus zumindest theoretisch die Möglichkeit politischer Einflussnahme auf eine globale kritische Infrastruktur.

Ob ein solches Szenario realistisch oder wahrscheinlich ist, ist dabei zweitrangig. Aus professioneller Risikobetrachtung zählt nicht nur die Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern auch die potenzielle Wirkung.

DNS ist ein klassischer „Single Point of Failure“, nicht technisch, aber governance-seitig.

Diese Machtasymmetrie betrifft nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen und Organisationen weltweit. Digitale Geschäftsmodelle, kritische Lieferketten und öffentliche Dienstleistungen hängen von einer stabilen und politisch neutral wahrgenommenen Internet-Governance ab. Wenn diese Neutralität, wenn auch nur theoretisch, infrage steht, entstehen Vertrauens-, Resilienz- und Abhängigkeitsrisiken.

Ein weiterer Effekt dieser Diskussion ist das zunehmende Risiko einer Fragmentierung des Internets.

Staaten können auf wahrgenommene Abhängigkeiten mit nationalen oder regionalen DNS-Initiativen, alternativen Root-Strukturen oder regulatorischen Sonderwegen reagieren.

Langfristig droht damit ein sogenanntes „Splinternet“, das technische Komplexität erhöht, Sicherheitsrisiken verschärft und Innovationspotenziale schwächt.

Wie steht es um die digitale Souveränität Europas?

Für Europa ist dieses Thema aktuell Teil einer größeren Diskussion über digitale Souveränität. Es geht dabei nicht um eine Abkehr von ICANN oder um Misstrauen gegenüber bestehenden Strukturen. Vielmehr geht es um die Frage, wie globale Governance-Modelle so weiterentwickelt werden können, dass Klumpenrisiken reduziert und Vertrauen langfristig abgesichert werden.

Die nüchterne Schlussfolgerung lautet: ICANN ist heute (noch?) ein stabiler und unverzichtbarer Bestandteil des globalen Internets. Gleichzeitig ist es aus strategischer Sicht legitim und notwendig, die institutionelle Verankerung kritisch mitzudenken. Gerade bei kritischen Infrastrukturen gilt: Resilienz entsteht nicht durch Vertrauen allein, sondern durch strukturelle Ausbalancierung von Macht, Recht und Governance.

Alternativen zur heutigen Rolle von ICANN würden weniger auf einen vollständigen Ersatz abzielen, sondern auf ergänzende oder ausgleichende Governance-Modelle. Denkbar wären etwa stärker internationalisierte Trägerstrukturen, bei denen zentrale DNS-Funktionen unter ein völkerrechtlich legitimiertes Mandat gestellt werden.

Ebenso diskutiert werden regionale Resilienzmodelle, etwa europäische Koordinationsmechanismen für DNS-Resolver, Root-Zonen-Monitoring oder Notfall-Governance, ohne die globale Einheit des Internets aufzugeben. Eine weitere Option sind technisch verteilte Governance-Ansätze, bei denen Entscheidungs- und Kontrollbefugnisse stärker fragmentiert und transparenter abgesichert werden.

Mehrere europäische Staaten und Organisationen betreiben bereits eigene, unabhängige DNS-Resolver, um Abhängigkeiten von US-Anbietern zu reduzieren. Beispiele sind staatliche oder halbstaatliche Resolver, die unter europäischem Datenschutz- und Sicherheitsrecht stehen und als Fallback-Strukturen dienen. Die IP-Adressvergabe erfolgt regional organisiert. Für Europa ist dies das RIPE NCC. RIRs sind ein etabliertes Beispiel für verteilte Governance, bei der zentrale Internetressourcen regional verwaltet werden, ohne die globale Interoperabilität zu gefährden

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