Über Digitale Souveränität (Erster Brief)

Über Digitale Souveränität (Erster Brief)

Dieser Text eröffnet ein Experiment: einen öffentlichen Briefwechsel zwischen Andreas und mir, inspiriert von den Epistulae morales ad Lucilium, in dem Überlegungen zur Souveränität, weit über den digitalen Kontext hinaus, im Dialog weiterentwickelt werden.


Erster Brief von Michael an Andreas

Lieber Andreas,

wir stehen an einem dramatischen Wendepunkt. Dieser vollzieht sich nicht mit einem Knall, wie man vielleicht erwarten würde, sondern nahezu geräuschlos, begleitet von einem Achselzucken in weiten Teilen der Gesellschaft. Während wir in Europa über Effizienz, Skalierung und „Time to Market“ sprechen, geben wir stillschweigend zentrale Teile unserer Handlungsfähigkeit aus der Hand. Nicht, weil wir müssen. Sondern weil es so bequem ist.

Ich finde, dass Souveränität ist kein "nice to have" und kein Thema für theoretische Abhandlungen alleine ist. Sie ist eine machtpolitische und strategische Führungsfrage.

Nehmen wir beispielsweise die Digitale Souveränität. Sie endet nicht am Standort eines Rechenzentrums. Sie endet dort, wo fremdes Recht, fremde Interessen und fremde Zugriffsmöglichkeiten jederzeit durchschlagen können. Wer das ignoriert, verwechselt Compliance mit Kontrolle.

Digitale Werkzeuge, vor allem aus dem Silicon Valley, prägen unseren Arbeitsalltag, unsere Kommunikation und unsere Entscheidungsprozesse bis in die Tiefe. Sie sind leistungsfähig, kosteneffizient und werden als alternativlos wahrgenommen. Genau diese Abhängigkeit ist problematisch. Sie verschiebt Kontrolle, Gestaltungsfähigkeit und letztlich Souveränität von Europa weg.

Wer heute digitale Infrastrukturen nutzt, entscheidet nicht nur über Tools, sondern über Rechtsräume, Abhängigkeiten und darüber, wer im Zweifel die letzte Entscheidung trifft. Diese Entscheidungen werden in Europa viel zu oft ausgelagert, und zwar gedanklich wie praktisch.

Und wir reden uns das schön.
„Die Daten liegen ja in Europa.“
„Das ist Industriestandard.“
„Alle machen das so.“

Souveränität bedeutet Wahlfreiheit. Und Wahlfreiheit setzt voraus, dass man überhaupt noch eine Wahl hat. Wer seine digitale Infrastruktur nicht versteht, keine realistischen Alternativen kennt und Abhängigkeiten nicht aktiv managt, ist nicht souverän.

Souveränität heißt für mich nicht Abschottung. Sie heißt allerdings: europäische Interessen ernst zu nehmen. Rechtsstaatlichkeit, Datenschutz, Resilienz und demokratische Kontrolle sind für mich keine nice-to-haves, sondern strategische Faktoren. Wer sie zugunsten kurzfristiger Bequemlichkeit opfert, verspielt langfristig wirtschaftliche und politische Handlungsfähigkeit.

Gerade Europa kann es sich nicht leisten, digital naiv zu sein. Wir regulieren komplexe Märkte, schützen Grundrechte und erwarten Resilienz und betreiben gleichzeitig unsere digitale Basis auf Infrastrukturen, die wir weder rechtlich noch faktisch kontrollieren. Dieser Widerspruch ist nicht nachhaltig und brandgefährlich.

Dieser Briefwechsel richtet sich an alle, die bereit sind, diesen Widerspruch bewusst auszuhalten und unseren Versuch zu begleiten, ihn Schritt für Schritt aufzulösen. Nicht mit Alarmismus. Sondern mit Klartext. Nicht mit Ideologie. Sondern mit Verantwortung.

Souveränität beginnt mit der Entscheidung, Abhängigkeiten nicht länger als Naturgesetz zu akzeptieren.

Dieser Brief ist auch keine Analyse. Er ist eine Aufforderung zum Austausch. Mit klarer europäischer Haltung und ohne Illusionen.

Michael

Der Link zum Antwortbrief von Andreas wird an dieser Stelle ergänzt, sobald es veröffentlicht ist.

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