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# Europa muss erwachsen werden: Warum wir jetzt die Vereinigten Staaten von Europa brauchen
- URL: https://www.mrak.at/europa-muss-erwachsen-werden-warum-wir-jetzt-die-vereinigten-staaten-von-europa-brauchen/
- Published: 2026-10-17T11:14:31.000Z
- Updated: 2026-10-17T11:14:31.000Z
- Author: Michael Mrak
- Tags: transatlantic, third-party-risk, geopolitics, digital-sovereignty

*Dieser Beitrag gibt meine persönliche Meinung als Bürger wieder. Die Beispiele und Fakten, auf die sie sich stützt, sind mit Quellen belegt und am Ende verlinkt.*

## Die Freundschaft ist vorbei. Sprechen wir es aus

Achtzig Jahre lang war das transatlantische Bündnis die stille Voraussetzung europäischer Politik. Sicherheit kam aus Washington, die Cloud aus Seattle, die Verlässlichkeit schien selbstverständlich. Diese Voraussetzung gibt es nicht mehr.

Seit spätestens Jänner 2025 erleben wir eine US-Regierung, die Verbündete mit Zöllen erpresst, ihnen Territorium streitig macht, europäische Gesetze als Zensur diffamiert und in der Ukraine-Frage in entscheidenden Momenten die Position des Aggressors übernimmt. Gleichzeitig führt Russland einen hybriden Krieg gegen Europa: mit Drohnen über NATO-Gebiet, Angriffen auf kritische Infrastruktur und systematischer Desinformation gegen demokratische Wahlen.

Meine These ist einfach: Wer jetzt noch auf die Rückkehr der alten Partnerschaft wartet, verwechselt Hoffnung mit Strategie. Europa muss sich infrastrukturell, digital und politisch emanzipieren. Am Ende dieses Weges stehen die Vereinigten Staaten von Europa. Das ist nicht naiv. Das ist die strategisch nüchternste Antwort, die wir haben.

## Wie Washington seit 2025 mit Europa umgeht

Einzelne Ausrutscher ließen sich wegerklären. Die Summe ergibt ein Muster. Fünf Beispiele:

Februar 2025, UNO: Zum dritten Jahrestag der Invasion stimmen die USA in der Generalversammlung gemeinsam mit Russland gegen eine von der Ukraine und Europa eingebrachte Resolution, die den russischen Angriffskrieg verurteilt. Der Gegenentwurf aus Washington vermeidet jeden Hinweis auf die russische Aggression ([Konrad-Adenauer-Stiftung](https://www.kas.de/de/web/multilateraler-dialog-genf/map-of-the-month/detail/-/content/votes-on-ukraine-war-in-un-general-assembly-and-un-security-council?ref=mrak.at)).

Februar bis Mai 2025, Den Haag: Die USA sanktionieren den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs. Laut Berichten wird daraufhin sein Microsoft-Postfach gesperrt; Microsoft bestreitet eine eigene Sperre. Der IStGH zieht die Konsequenz und steigt auf eine europäische Arbeitsplatzlösung um ([Computerwoche](https://www.computerwoche.de/article/3989073/trump-befiehlt-microsoft-sperrt-e-mail-account.html?ref=mrak.at), [web.de](https://web.de/magazine/politik/zoff-usa-strafgerichtshof-kuenftig-deutsche-software-41537206?ref=mrak.at)).

November 2025, 28-Punkte-Plan: Die US-Regierung verhandelt einen „Friedensplan“ direkt mit dem Kreml-Unterhändler Kirill Dmitrijew, ohne Ukraine und ohne Europa. Der Entwurf verlangt Gebietsabtretungen, eine kleinere ukrainische Armee und den NATO-Verzicht. Die deutsche Bundesregierung war nach eigener Aussage nicht informiert ([Berliner Zeitung](https://www.berliner-zeitung.de/article/10006596?ref=mrak.at), [ORF](https://orf.at/stories/3412488/?ref=mrak.at)).

Dezember 2025, Einreiseverbote: Washington verhängt Visasperren gegen Ex-EU-Kommissar Thierry Breton und die Leiterinnen von HateAid, weil sie am Digital Services Act mitgewirkt bzw. ihn umgesetzt haben. Kurz davor behauptet die US-Sicherheitsstrategie, Europa drohe eine „zivilisatorische Auslöschung“ ([ORF](https://orf.at/stories/3415296/?ref=mrak.at)).

Jänner 2026, Grönland: Trump droht acht NATO-Partnern, darunter Deutschland, Frankreich und Dänemark, mit Strafzöllen von 10 bis 25 Prozent, weil sie sich gegen seine Ansprüche auf Grönland stellen. In Davos legt er mit Beleidigungen gegen Europa nach ([ZDFheute](https://www.zdfheute.de/politik/ausland/trump-usa-groenland-zoelle-eu-nato-100.html?ref=mrak.at), [Augen geradeaus!](https://augengeradeaus.net/2026/01/groenland-trump-kuendigt-strafzoelle-gegen-europaeer-wg-fehlender-unterwerfung-an/?ref=mrak.at)).

So behandelt man keine Freunde. So behandelt man Vasallen, die man für schwach hält.

## Russlands hybrider Krieg gegen die EU

Während Washington Europa unter Druck setzt, testet Moskau, wie weit es gehen kann. Der Krieg findet längst nicht nur in der Ukraine statt.

September 2025, Polen: In einer Nacht dringen mindestens 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Erstmals schießen NATO-Kräfte Drohnen über eigenem Territorium ab, Polen beruft Konsultationen nach Artikel 4 des NATO-Vertrags ein ([Polskie Radio](https://www.polskieradio.pl/395/9766/artykul/3577510,update-poland-downs-russian-drones-invokes-nato%20article-4-over-airspace-breaches?ref=mrak.at), [profil](https://www.profil.at/ausland/drohnen-polen-russland-markus-reisner/403083306?ref=mrak.at)).

Dezember 2025, polnisches Stromnetz: Ein Wiper-Angriff trifft IT- und Industrieanlagen der Energieversorgung. Fachleute schreiben ihn der GRU-Einheit Sandworm zu; mitten im Winter hätte er tödliche Folgen haben können ([Übersicht mit Verweis auf CERT Polska](https://en.wikipedia.org/wiki/2025%5Fcyberattack%5Fon%5Fthe%5FPolish%5Fpower%5Fgrid?ref=mrak.at)).

2024 bis 2025, Wahlen: In Rumänien wird die Präsidentschaftswahl nach einer massiven, mutmaßlich russisch gestützten TikTok-Kampagne annulliert. In Moldau setzt der Kreml vor dem EU-Referendum und der Parlamentswahl auf Desinformation, Stimmenkauf und bezahlte Proteste ([Konrad-Adenauer-Stiftung](https://www.kas.de/de/web/politische-bildung/politsnack/detail/-/content/moldau-am-scheidepunkt?ref=mrak.at), [SRF](https://www.srf.ch/news/international/richtungswahlen-russland-setzt-in-moldau-auf-wahlmanipulation?ref=mrak.at)).

Oktober 2026, Frankreich: In der Nacht auf den 12\. Oktober übernehmen Angreifer die Fernsteuerung der Kühlanlagen in Hunderten Supermärkten und heizen Kühlregale auf bis zu 50 Grad auf. Ware muss vernichtet werden ([ZDFheute](https://www.zdfheute.de/panorama/frankreich-hackerangriff-supermaerkte-kuehlschraenke-100.html?ref=mrak.at)). Wer dahinter steckt, ist noch offen; prorussische Gruppen haben sich bisher nicht bekannt. Der Fall zeigt aber, wie verwundbar vernetzte Alltagsinfrastruktur ist, wenn ein einziger Hersteller, eine Software und schwache Passwörter reichen ([drohnen.de](https://www.drohnen.de/92757/cyberangriff-kuehlanlagen-supermarkt/?ref=mrak.at)).

Das Ziel ist klar: Verunsicherung, Spaltung, Vertrauensverlust in demokratische Institutionen. Jeder einzelne Vorfall bleibt unter der Schwelle eines offenen Krieges. Zusammen sind sie ein Angriff.

## Die Ukraine verteidigt auch uns

Seit Februar 2022 hält die Ukraine eine Armee auf, die nach eigenem Selbstverständnis nicht an der ukrainischen Westgrenze stehen bleiben will. Jeder Tag, an dem Kyjiw standhält, ist ein Tag, an dem keine russischen Truppen an der Grenze zu Polen, der Slowakei oder Ungarn stehen. Und damit auch nicht wenige hundert Kilometer von Wien entfernt.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer zahlen dafür Tag für Tag mit ihrem Leben. Europa zahlt mit Geld, Waffen und Geduld, und auch das oft zu zögerlich und zu spät. Wenn die USA als verlässlicher Unterstützer ausfallen, gibt es nur noch einen Akteur, der diese Lücke schließen kann: uns. Ein Diktatfrieden auf Kosten der Ukraine wäre keine Lösung, sondern die Einladung zur nächsten Grenzverschiebung.

## Abhängigkeit ist ein Sicherheitsrisiko

In meiner Beratungspraxis sehe ich täglich, wie tief die Abhängigkeit reicht. Identitätsmanagement, E-Mail, Kollaboration, Cloud-Infrastruktur, Security-Tooling: In den meisten Organisationen im DACH-Raum liegt der digitale Kern bei einer Handvoll US-Konzerne. Rechtlich unterliegen diese dem US-CLOUD Act und FISA Section 702, unabhängig davon, wo die Rechenzentren stehen. Politisch unterliegen sie seit 2025 einer Regierung, die Sanktionen auch gegen europäische Institutionen verhängt.

Der Fall des Internationalen Strafgerichtshofs hat gezeigt, dass ein Kill Switch kein theoretisches Risiko ist. Was einem internationalen Gericht passieren kann, kann einer Behörde, einem Spital oder einem Energieversorger ebenso passieren.

Der regulatorische Rahmen in Europa ist dabei längst da. NIS2 verlangt in Art. 21 Abs. 2 lit. d die Sicherheit der Lieferkette, DORA verpflichtet Finanzunternehmen in Art. 28 zu Ausstiegsstrategien für IKT-Drittdienstleister, der Data Act schützt in Art. 32 vor unrechtmäßigem Zugriff durch Drittstaaten. Was fehlt, ist die Konsequenz in der Umsetzung. Konkret heißt das für Unternehmen und öffentliche Stellen:

- Abhängigkeiten von Nicht-EU-Anbietern als eigenes hohes Risiko im ISMS führen und bewerten, nicht nur als reine Datenschutzfrage.
- Für kritische Dienste realistische Exit-Pläne erstellen und testen, inklusive Datenformate und Migrationszeiten.
- Bei Neubeschaffungen europäische und Open-Source-Alternativen ernsthaft prüfen, etwa openDesk, Nextcloud oder europäische Cloud-Anbieter.
- Schlüsselhoheit sichern: Verschlüsselung mit Kryptographie-Schlüsseln, die nachweislich in europäischer Hand bleiben.
- Vernetzte Betriebstechnik, vom Kühlregal bis zur Gebäudesteuerung, inventarisieren, segmentieren und mit eindeutigen Zugangsdaten absichern.

Digitale Souveränität heißt nicht Abschottung. Sie heißt, im Ernstfall die Wahl zu haben.

## Vereinigte Staaten von Europa: strategisch, nicht naiv

Die EU ist mit rund 450 Millionen Menschen neben den USA und China einer der drei großen Wirtschaftsräume der Welt. Sie hat Märkte, Industrie, Forschung, Rechtsstaatlichkeit und eine Zivilgesellschaft, um die sie viele beneiden. Was ihr fehlt, ist Handlungsfähigkeit. Ein Kontinent, in dem ein einzelner Regierungschef Sanktionspakete und Ukraine-Hilfen monatelang blockieren kann, wird von Washington und Moskau nicht als Machtfaktor wahrgenommen, sondern als Schwäche und Verhandlungsmasse.

Die Instrumente für mehr Handlungsfähigkeit liegen teilweise schon in den Verträgen:

- Mehrheitsentscheidungen in der Außen- und Sicherheitspolitik über die Passerelle-Klausel in Art. 31 Abs. 3 EUV, statt Einstimmigkeit als Vetorecht für Bremser.
- Eine echte gemeinsame Verteidigung auf Basis von Art. 42 Abs. 2 EUV, mit gemeinsamer Beschaffung und Finanzierung, und die Beistandsklausel des Art. 42 Abs. 7 EUV als ernst gemeinte Verpflichtung.
- Eine gemeinsame Fiskalkapazität für Sicherheit, Energie und digitale Infrastruktur, statt 27 nationaler Kleinbudgets.
- Eine europäische Industriepolitik für Cloud, Halbleiter, KI und Kommunikationsnetze, die öffentliche Beschaffung gezielt als Hebel nutzt.

Langfristig reicht dieses Flickwerk jedoch nicht. Wir brauchen eine Vertragsreform nach Art. 48 EUV hin zu einem föderalen Europa: mit einer handlungsfähigen Regierung, einem gestärkten Parlament mit Initiativrecht und klarer Subsidiarität für alles, was regional besser geregelt wird.

Für Österreich stellt sich dabei die Frage der Neutralität. Art. 23j B-VG erlaubt schon heute die Mitwirkung an der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Eine Neutralität, die sich darauf verlässt, dass andere uns verteidigen, ist keine Sicherheitspolitik. Diese Debatte müssen wir ehrlich führen.

Naiv wäre es, weiter auf Washington zu hoffen oder auf einen Ausgleich mit Moskau. Strategisch ist es, die eigene Größe der EU endlich in Macht zu übersetzen.

## Was auf dem Spiel steht

Das System Europa hat viele Schwächen. Es ist langsam, bürokratisch und oft mit sich selbst beschäftigt. Aber es ist auch das erfolgreichste Friedens- und Freiheitsprojekt, das dieser Kontinent je hervorgebracht hat: Rechtsstaat, Sozialstaat, Grundrechte, Datenschutz, offene Grenzen. Nichts davon ist selbstverständlich, und nichts davon wird uns jemand schenken, weder in Washington noch in Moskau.

Es ist allerhöchste Zeit, dass wir uns verhalten wie das, was wir sind: eine Weltmacht, die ihre Werte verteidigen kann. Jede Organisation kann damit morgen beginnen, mit dem nächsten Beschaffungsentscheid, dem nächsten Exit-Plan, der nächsten ehrlichen Risikobewertung. Die Politik muss nachziehen.

## Quellen

- [Konrad-Adenauer-Stiftung: Abstimmungen zum Ukrainekrieg in UN-Generalversammlung und Sicherheitsrat, Februar 2025](https://www.kas.de/de/web/multilateraler-dialog-genf/map-of-the-month/detail/-/content/votes-on-ukraine-war-in-un-general-assembly-and-un-security-council?ref=mrak.at)
- [Computerwoche: Microsoft und das E-Mail-Konto des IStGH-Chefanklägers](https://www.computerwoche.de/article/3989073/trump-befiehlt-microsoft-sperrt-e-mail-account.html?ref=mrak.at)
- [web.de: Strafgerichtshof wechselt auf deutsche Software](https://web.de/magazine/politik/zoff-usa-strafgerichtshof-kuenftig-deutsche-software-41537206?ref=mrak.at)
- [Berliner Zeitung: 28-Punkte-Plan](https://www.berliner-zeitung.de/article/10006596?ref=mrak.at)
- [ORF: Kreml lehnt europäischen Gegenvorschlag ab](https://orf.at/stories/3412488/?ref=mrak.at)
- [ORF: US-Einreiseverbot gegen Ex-EU-Kommissar Breton](https://orf.at/stories/3415296/?ref=mrak.at)
- [ZDFheute: Grönland-Streit und Zolldrohungen](https://www.zdfheute.de/politik/ausland/trump-usa-groenland-zoelle-eu-nato-100.html?ref=mrak.at)
- [Augen geradeaus!: Trumps Strafzoll-Ankündigung im Wortlaut](https://augengeradeaus.net/2026/01/groenland-trump-kuendigt-strafzoelle-gegen-europaeer-wg-fehlender-unterwerfung-an/?ref=mrak.at)
- [Polskie Radio: Polen schießt russische Drohnen ab, Artikel 4](https://www.polskieradio.pl/395/9766/artykul/3577510,update-poland-downs-russian-drones-invokes-nato%20article-4-over-airspace-breaches?ref=mrak.at)
- [profil: Russlands Drohnenangriff auf Polen](https://www.profil.at/ausland/drohnen-polen-russland-markus-reisner/403083306?ref=mrak.at)
- [Wikipedia: Cyberangriff auf das polnische Stromnetz 2025](https://en.wikipedia.org/wiki/2025%5Fcyberattack%5Fon%5Fthe%5FPolish%5Fpower%5Fgrid?ref=mrak.at)
- [Konrad-Adenauer-Stiftung: Moldau am Scheideweg](https://www.kas.de/de/web/politische-bildung/politsnack/detail/-/content/moldau-am-scheidepunkt?ref=mrak.at)
- [SRF: Russland setzt in Moldau auf Wahlmanipulation](https://www.srf.ch/news/international/richtungswahlen-russland-setzt-in-moldau-auf-wahlmanipulation?ref=mrak.at)
- [ZDFheute: Hacker legen Kühlanlagen in Supermärkten lahm](https://www.zdfheute.de/panorama/frankreich-hackerangriff-supermaerkte-kuehlschraenke-100.html?ref=mrak.at)
- [drohnen.de: Cyberangriff auf Kühlanlagen, Hintergründe](https://www.drohnen.de/92757/cyberangriff-kuehlanlagen-supermarkt/?ref=mrak.at)